Geschäfte raus – Wohnungen rein

Anzeige
Marc Wollenbäcker (Inhaber der Fahrschule Fahrszination) und Valentina Osipova (Änderungsschneiderei) halten symbolisch ein Kündigungsschreiben ihres Vermieters in ihren Händen. Foto: Röhe

Geschäftsleuten im Horner Weg wurde gekündigt

Von Matthias Röhe
Hamm. Völlig unerwartet flatterte vergangene Woche eine Kündigung nach der anderen in die Briefkästen der sechs kleinen Geschäftsleute im Horner Weg 80 bis 82. „Ich dachte zunächst an einen schlechten Scherz“, sagt Valentina Osipova. Die 55jährige Schneiderin betreibt seit sieben Jahren ihre kleine Änderungsschneiderei und ist sichtlich getroffen von der Kündigung ihres Vermieters, der Erich Thor Wohnungsunternehmen GmbH. „Ich zahle monatlich etwa 600 Euro an Miete. Es wird schwer werden, etwas Gleichwertiges zu finden“, ergänzt Valentina Osipova. Vor allem aber dauere es mitunter mehrere Monate oder gar Jahre, bis sie wieder einen solchen Kundenstamm zusammen bekomme. Täglich kommen etwa zehn Stammkunden in die rund zwanzig Quadratmeter große Schneiderei. Hinzu kämen noch weitere Kunden, die unregelmäßig ihre Kleidungsstücke bei ihr abgeben. Ähnlich ergeht es dem kleinen Computerladen zwei Eingänge nebenan. Dort kümmert sich Inhaber Michael Geiß mit einem weiteren Mitarbeiter um defekte Computer, Notebooks und Laptops. „Da wir aber auch eine Annahmestelle von Päckchen und Paketen unserer Kunden und Anwohner sind, ist die Schließung unseres Geschäftes wirklich mehr als ärgerlich – auch im Interesse der Anwohner“, sagt Michael Geiß. Seit 2007 betreibt der Geschäftsmann den Computerladen, in dem Kunden auch weitere Serviceleistungen wie Faxe verschicken, Kopien anfertigen oder Computerzubehör käuflich erwerben können. „Die Schließung Ende September bedeutet für mich und meinen Mitarbeiter einen großen Verlust“, ergänzt Michael Geiß. Von einer Kündigung ist ebenfalls die Fahrschule Fahrszination betroffen. „Es geht bei einer Kündigung auch immer um Arbeitsplätze“, hebt Inhaber Marc Wollenbäcker hervor. „Wir haben an diesem Standort vier Mitarbeiter. Noch weiß ich nicht, wie es weitergeht“, ergänzt der Fahrschullehrer. Marc Wollenbäcker träfe die Schließung zwar auch hart, er selbst sehe aber für sich gute Chancen, einen neuen Standort in Hamm zu finden. „Menschen, die einen Führerschein machen wollen, gibt es genug.
Aber es wird trotzdem sehr schwierig werden – wir haben lange für unseren guten Ruf gebraucht“, sagt Marc Wollenbäcker. Ganz anders sieht es bei ADDA-Eis aus. „Einen neuen Laden kann ich mir nicht leisten. Nicht wegen der Miete, die bestenfalls in gleicher Höhe zu realisieren wäre.
Sondern der Umzug selbst kostet einfach zu viel Geld“, sagt Inhaber Robert Lippmann-Barkawitz. Der 41-Jährige wird ab Oktober, sollte eine Schließung tatsächlich nicht vermeidbar sein, wohl wieder an einem Bürotisch sitzen und seinem erlernten Beruf nachgehen. Anwohner Andrea Giancaspro kommt seit drei Jahren regelmäßig ins Eisgeschäft ADDA. Er ist sehr traurig, dass sein Freund und Inhaber Robert Lippmann-Barkawitz zum 30. September seinen Laden schließen muss. Regelmäßig kommt der 44-Jährige ins Eisgeschäft und trinkt gerne mal einen Kaffee.
„Es bedeutet für uns Anwohner weitere Wege. Außerdem fehlt uns dann das Flair“, sagt Andrea Giancaspro traurig. Obwohl alle Geschäftsleute unterschiedliche Arbeitsfelder abdecken, vereinigt sie doch eines: Nachbarschaftshilfe. Alle Läden sind Anlaufstelle für junge und ältere Menschen. Treffpunkt, Einkaufsmöglichkeit und quasi Poststelle.
„Viele Anwohner sind unglücklich, wenn wir ihnen von der Schließung erzählen“, sagt Robert Lippmann-Barkawitz. Deshalb liegt in den sechs betroffenen Geschäften auch eine Unterschriftenliste aus.
Die Ladenzeile umfasst einen Friseur, eine Änderungsschneiderei, ein Bestattungsunternehmen, ein Computergeschäft, eine Fahrschule und einen Eis-Laden.
„Nach mehrfachen Vermietungsschwierigkeiten in der Vergangenheit und auch Kündigungen von Ladenmietern hat sich ergeben, dass langfristig der Betrieb derartig kleiner Einzelläden – wie allgemein in derartigen Nebenlagen – immer schwieriger wird. Aus diesem Grund werden die sechs Läden zu normalen Mietwohnungen umgebaut, die Treppenhäuser modernisiert und die Außenanlagen neu gestaltet, um für die vorhandenen Mietwohnungen ein freundlicheres Umfeld zu schaffen“, teilt Torsten Kringel von der Erich Thor Wohnungsunternehmen GmbH mit.
Weitere Veränderungen werden sich ihm zufolge nicht ergeben. (mr)
Anzeige
Anzeige
1 Kommentar
6
Frank Dürkop aus Hamm | 18.04.2012 | 22:02  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige