Hamburg: Die Sehnsucht nach der kleinen Kneipe

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Das Feierabend-Bier am Tresen, Sinnbild der Gemütlichkeit Symbolfoto: Thinkstock
 
Gesellschaftliches Leben ging verloren, klagt Maler Michael Bulbat

Bewohner klagen: In Mümmelmannsberg fehlen Tresentreffpunkte und Restaurant-Vielfalt

Von Martin Jenssen
Hamburg. Döner, Döner und nochmal Döner. Das ist das Essens- und Kneipenangebot in Mümmelmannsberg. Viel mehr gibt es nicht für die rund 19.000 Einwohner des Stadtteils. Doch halt! Da gibt es noch eine Kneipe an der Kandinskyallee, die „Tanke 23“. Ein von außen unansehnlicher von innen aber sehr gemütlicher Treffpunkt, an dem die Menschen von Mümmelmannsberg auf ein Bierchen zusammenkommen.
Eröffnet wurde die „Tanke 23“ vor zwei Jahren, als die großen Kneipen „Astra Pott“ und „Zur Kate“ schließen mussten. Vorher war die „Tanke“ ein Croque-Laden, der zur Kneipe umgebaut wurde. Der Umbau war eine Notlösung, damit die Menschen von Mümmelmannsberg wenigstens noch einen Treffpunkt haben. Die Besucher drängen sich an und hinter der Theke. Nur ein Tisch mit vier Stühlen steht zur Verfügung, an dem die Besucher etwas besprechen oder einen Skat spielen können. Fast 50 Prozent der Hamburger Kneipen und Gaststätten wurden in den letzten 13 Jahren geschlossen. Doch mit dem allgemeinen „Kneipensterben“ hat die Situation in Mümmelmannsberg nichts zu tun. Dort sehnt man sich nach neuen Wirtshäusern.

Vereine wurden heimatlos

„Der Astra-Pott fehlt mir sehr“, sagt Zimmermann Michael Meyer. „Dort konnte man abends zusammen mit Freunden Fußball gucken und sich austauschen. Jetzt haben wir in unserem Stadtteil kaum eine Möglichkeit mehr, mal einen großen Geburtstag oder eine Hochzeit zu feiern. Wenn wir ausgehen wollen, müssen wir in die Innenstadt fahren oder nach Bergedorf.“ Auch Maler Michael Bulbat (47) beklagt das unnötige Kneipensterben in seinem Stadtteil. „Durch die Schließung der großen Gaststätten mussten auch der Kegelverein, der Dart-Club und der Knobelverein aufgeben“, sagt er.
„Ich finde es sehr traurig, dass es in Mümmelmannsberg fast keine Kneipen mehr gibt“, findet Osman Talu (45), der über 18 Jahre den „Astra Pott“ führte. Der Ex-Kneipier und Vorsitzende des SC Europa, der jetzt Sozialarbeit leistet, Jugendliche in Sport unterrichtet und Jugendfußballmannschaften trainiert, erklärt: „Kneipen gehören zur deutschen Kultur. Der Tresen ist doch ein Platz, an dem man sich trifft und klönt, wo man seine Sorgen erzählen und ein Bierchen trinken kann.“ Der „Astra Pott“ war eine Kultkneipe, Treffpunkt für alle Bewohner von Mümmelmannsberg, egal welcher Herkunft. HSV- und St. Pauli-Fans saßen hier freundschaftlich nebeneinander. Rentner und Arbeiter diskutierten über Sport und Politik. In der Gaststätte „Zur Kate“ gab es sogar eine Kegelbahn. Auch diesen Spaß hat man den Menschen in Mümmelmannsberg genommen. SAGA/GWG schloss die Kneipe, weil die Feiningerstraße renoviert werden sollte. Jetzt steht die Gaststätte seit zwei Jahren leer, ohne dass sie renoviert wurde.
Auch der „Astra-Pott“ wurde im Februar 2012 geschlossen. „Nach 18 Jahren Kneipenarbeit war ich ausgebrannt“, sagt Osman Talu. „Ich habe damals zweimal die Miete nicht überwiesen.“ Da machte der Vermieter kurzen Prozess und schloss den Astra-Pott.
„Ich habe das akzeptiert“, sagt Talu, „auch wenn man damals vielleicht einen Kompromiss hätte finden können. Was ich aber nicht nachempfinden kann, ist, dass der ‚Astra-Pott‘ nicht wieder vermietet wurde. Interessenten gab es genug. Und die Menschen hier wären glücklich gewesen.“

Döner gibt es reichlich

Mit den Restaurants ist es ähnlich. „Döner sind zwar lecker, aber doch etwas einseitig“, erklärt Osman Talu, der vor 33 Jahren aus der Türkei nach Mümmelmannsberg zog. „Es wäre schön, wenn sich in unserem Stadtteil deutsche, chinesische oder griechische Restaurants ansiedeln würden“. Selbst für die über 1000 Schüler des Stadtteils gibt es, wenn sie nach dem Unterricht in einer Imbissbude mal etwas futtern möchten, nur Döner. Ein Burger-Restaurant könnte in Mümmelmannsberg gute Geschäfte machen. Allerdings, einen kulinarischen Geheimtipp gibt es in Mümmelmannsberg: das „Pjaca Montenegro“, ein etwas abseits am Sportplatz gelegenes Restaurant mit mediterraner Küche.
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1 Kommentar
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Roberto Carlos aus Billstedt | 16.04.2014 | 09:15  
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