Hamburg: Flüchtlingsdorf in die „Berze“?

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Seit zwölf Jahren wuchert Unkraut auf den ehemaligen Flächen der „Berze“. Jetzt sollen dort wieder Unterkünfte für Flüchtlinge errichtet werden Fotos: Jenssen
 

Sozialbehörde prüft Fläche für 500 Menschen in ehemaliger Problemsiedlung

Von Martin Jenssen
Hamburg. Keine leichte Aufgabe für Politik und Verwaltung. Rund 200.000 Flüchtlinge kommen in diesem Jahr nach Deutschland. Für alle werden menschenwürdige Unterkünfte gesucht. Hamburg ist verpflichtet, 2,5 Prozent, also rund 5000 Flüchtlinge aufzunehmen. Bisher hat die Stadt etwa 2600 Unterkünfte geschaffen. Auch wenn einige der Flüchtlinge bei Verwandten in Hamburg unterkommen, fehlen immer noch Unterbringungsmöglichkeiten für 2000 Personen.
Deswegen soll Billstedt erneut eine „bittere Pille“ schlucken. Obwohl der Stadtteil und seine Umgebung mit rund 1350 Plätzen für Kriegsflüchtlinge, Asylanten und Obdachlose eigentlich überladen ist, wird überlegt, auf den Freiflächen an der Berzeliusstraße ein Flüchtlingsdorf zu errichten. Bis zu 500 Menschen könnten dort untergebracht werden Das hat die Lenkungsgruppe der Bezirke, die für die Flüchtlingsfragen zuständig ist, angeregt. Dabei gibt es am Billstieg, in direkter Nachbarschaft zur Berzeliusstraße, bereits eine problematische Unterkunft mit rund 620 Plätzen.
„Was letztendlich an der Berzeliusstraße geschieht, wird erst entschieden, wenn der Platz genau untersucht worden ist“, sagt Marcel Schweitzer, Sprecher der Hamburger Sozialbehörde. „Nach der Prüfung wird entschieden, ob und was dort gebaut wird.“ Es gibt mehrere Möglichkeiten, den Platz zu bebauen. Sollten feste Häuser errichtet werden, wird es länger dauern, bis die Freiflächen besiedelt werden. Eine schnelle Belegung ist möglich, wenn Pavillons oder Wohncontainer aufgestellt werden. Nicht nur Billbrook ist als Flüchtlingsunterkunft im Gespräch. Marcel Schweitzer: „Bei der Unterbringung von Flüchtlingen muss vieles bedacht werden. Deswegen werden auch andere Standorte geprüft.“
Die Politiker, die über die neuen Standorte für Flüchtlinge entscheiden, wissen, dass der Standort Berzeliusstraße schwer vorbelastet ist. Bis 2002 waren in der „Berze“, wie die Unterkunft genannt wurde, hochproblematische Asylbewerber untergebracht. Eine Siedlung, die bundesweit für Empörung sorgte, nachdem dort ein 68-jähriger pflegebedürftiger Mann in seiner Kleinstwohnung verhungerte, weil sich niemand um ihn gekümmert hatte.
Der bekannte Musiker Ferdinand Försch, der in der Berzeliusstraße moderne Musikinstrumente baut und in seinem „KlangHaus“ Konzerte veranstaltete, war mehrere Jahre lang direkter Nachbar des „Berze“-Lagers.

Messer und Baseballschläger

Was er in dieser Zeit erlebt hat, würde mehrere Kriminalromane füllen. „Sehr häufig kam es auf dem Gelände zu Massenschlägereien zwischen den verschiedener Gruppen, die in dem Lager wohnten. Messer und Baseballschläger waren dort im ständigen Einsatz. Ich stand in ständiger Verbindung mit der Polizei.“
Immer wieder wurden dem Musiker die Scheiben seines „KlangHauses“ eingeworfen und die Reifen seines Autos zerstochen. Und nicht nur zum Jahreswechsel wurde mit scharfen Waffen geschossen. „Silvester ging man besser nicht aus dem Haus“, sagt der Musiker. Einmal waren nach einem Konzert alle Gartenmöbel verschwunden. Der Musiker: „In den nächsten Jahren konnte ich dann beobachten, wie die Bewohner der Unterkunft fröhlich mit meinen Gartenmöbeln feierten.“
Kerstin Gröhn, regionalpolitische Sprecherin der SPD in Billstedt, sieht keine Gefahr, dass es an der „Berze“ erneut zu ähnlichen Zuständen
kommen wird. „Alle haben aus der Vergangenheit gelernt“, erklärt die Politikerin. „Wichtig ist eine kontinuierliche Betreuung vor Ort. Nur weil es früher an der Berzeliustraße Probleme gab, muss es jetzt nicht automatisch wieder Probleme geben. Realität ist, dass Hamburg mehr Unterkünfte braucht. Probleme gibt es überall, wo Planungen dafür in Frage kommen.“

Billstedt und Umgebung schon überlastet

Die Grünen sehen den Plan „Berzeliusstraße kritisch. Vor allem weil das Gebiet Billstedt und Umgebung schon über-belastet ist. „Sollte dort wieder eine Unterkunft gebaut werden, müssen die Flüchtlinge eine optimale Betreuung bekommen“, sagt auch Michael Osterburg.
Ablehnung und Empörung bei der CDU in Billstedt. Der Ortsvorsitzende und Bürgerschaftsabgeordnete David Erkalp: „Wir sind klar dafür, diesen Menschen zu helfen, aber wir protestieren energisch gegen neue Zuweisungen. Es ist den Billstedter Bürgern nicht zuzumuten, nachdem sie jahrzehntelang Gastfreundschaft und Solidarität gewährt haben, weitere Plätze zur Verfügung zu stellen.“ Der CDU-Politiker weiter: „Dass gerade die Berzeliusstraße ausgesucht wurde, um Asylbewerber unterzubringen, ist für mich eine Unverschämtheit. Es ist eine verlassene Welt, wo weit und breit keine Einkaufsmöglichkeiten existieren. Die nächste Möglichkeit ist das Billstedt Center. Hier wieder Asylbewerber anzusiedeln, können nur Menschen beschließen, die die Historie der alten Berzeliusstraße nicht kennen. Es war seinerzeit die berüchtigste und gefährlichste Unterkunft Deutschlands. Hier hatten sogar Polizisten Angst, alleine ihren Dienst auszuüben.“ (je)
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14 Kommentare
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Erich Heeder aus Billstedt | 30.07.2014 | 19:06  
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Max Moritz aus Billstedt | 03.08.2014 | 01:09  
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Erich Heeder aus Billstedt | 03.08.2014 | 08:02  
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Max Moritz aus Billstedt | 03.08.2014 | 19:12  
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Erich Heeder aus Billstedt | 04.08.2014 | 07:34  
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Michael Lemke aus Horn | 04.08.2014 | 23:10  
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Max Moritz aus Billstedt | 05.08.2014 | 02:12  
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Erich Heeder aus Billstedt | 05.08.2014 | 13:47  
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Max Moritz aus Billstedt | 05.08.2014 | 23:44  
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Max Moritz aus Billstedt | 05.08.2014 | 23:47  
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Erich Heeder aus Billstedt | 06.08.2014 | 17:12  
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Max Moritz aus Billstedt | 07.08.2014 | 22:15  
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Erich Heeder aus Billstedt | 07.08.2014 | 22:52  
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Michael Lemke aus Horn | 08.08.2014 | 23:52  
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