Hamburg: Geheimtipp Münzviertel

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Die Münzburg: Von 1886 bis 1982 wurden hier Groschen für Deutschland geprägt Foto: mt
 
Themengebiet Münzviertel

Künstlertreff und citynah: Hier lebt man für 7,70 Euro Kaltmiete

Von Marco Thielcke
Hamburg. Zwischen Spaldingstraße und Hühnerposten drehen sich die Baukräne: Vergangenen Donnerstag feierte das neue Ibis-Hotel an der Amsinckstraße Richtfest und nur wenige Meter weiter am Schultzweg wird schon die nächste Baugrube für ein Studentenwohnheim vorbereitet. Im Münzviertel am Hamburger Hauptbahnhof tut sich etwas. Doch in Hamburg ist das Viertel, in dem laut Wohngesellschaft Saga die Kaltmiete bei angenehmen 7,70 Euro liegt, weitgehend unbekannt.
Zwar fahren täglich Tausende Hamburger und Pendler aus dem Umland mit Zug und Auto an der Münzburg, die dem Quartier den Namen gab, vorbei. Aber kaum jemand kennt die alte Prägeanstalt der Hamburgischen Münze, die noch bis 1982 Millionen Geldstücke für die Bundesrepublik prägte. Das türkisfarbene Gebäude der Druckerei Scharlau kennen hingegen viele S-Bahnfahrer, wenn sie mit dem Zug in den Hauptbahnhof einfahren. Und auch das markante Bürogebäude an der Spaldingstraße, in dem das Hamburgische Winternotprogramm seine Räume hat, ist Autofahrern wohl vertraut. Doch was sich jenseits des Bahndamms auf dem Münzplatz abspielt, welche Menschen zwischen den Gleisen Richtung Berlin und Hannover leben und welches Privileg Hamburgs Bürgermeister in der Münze hatten, kann man nicht auf den ersten Blick sehen. Wochenblatt-Reporter Marco Thielcke war vor Ort: Bei einem Rundgang sprach er mit Bewohnern, schaute in die Wohnungen und entdeckte ein buntes Viertel.

„Im ersten Obergeschoss der Münzburg gab es tatsächlich lange eine Wohnung für den Bürgermeister, das war aber Ende des 19. Jahrhunderts.“ Günter Westphal

Das Münzviertel ist gerade mal so groß wie zehn Fußballfelder und nur fünf Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof entfernt, zentraler geht es in Hamburg kaum. Mittelpunkt des Quartiers ist der Münzplatz, an dem auch die alte Münzburg, erbaut 1886, steht. 45 Wohnungen sind heute hinter den alten Mauern der ehemaligen Münzprägeanstalt, eine davon soll laut einem Gerücht im Münzviertel Hamburgs Bürgermeister zu Verfügung stehen. Günter Westphal engagiert sich im Stadtteil im Quartiersbeirat und ist wie viele seiner Nachbarn Künstler. Der 71-Jährige kennt die Geschichte des Stadtteils und kann auch das Rätsel um die Bürgermeisterwohnung lösen: „Im ersten Obergeschoss der Münzburg gab es tatsächlich lange eine Wohnung für den Bürgermeister, das war aber Ende des 19. Jahrhunderts.“ Heute würde Olaf Scholz zwar nicht gratis eine Wohnung am Münzplatz bekommen, aber wer hier eine Unterkunft ergattert, lebt günstig für Hamburger Verhältnisse: Im Schnitt zahlen Mieter im Münzviertel laut Saga nur 7,70 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Unter den rund 1200 Einwohnern sind viele Künstler und Studenten. Einer von ihnen ist Jonas Grewe. Der 27-Jährige studiert Kunst an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und zieht mit Kleister, Pinsel und einer Hand voll Zeichnungen durch die acht Straßen des Münzviertels. Am Bahndamm bleibt er stehen und fängt an die graue Wand einzukleistern, dann drückt er seine Zeichnungen auf den frischen Klebstoff und sucht den nächsten grauen Fleck im Viertel. „Ich will meine Umgebung verschönern“, sagt Grewe. Seine Zeichnungen nennt er „Kommunikative Malerei“. „An den Werken haben Freunde, Kommilitonen oder Kollegen mitgewirkt. Zum Beispiel bei einem Abend in der Ilohh-Bar.“

Mit Charme

Warum er im Münzviertel wohnt? „Die Wohnungen haben hier einen ganz besonderen Charme. Mein Zimmer ist durch ein kleines Fenster mit dem Treppenhaus verbunden. Das war früher das Zimmer für den Concierge.“ Einer seiner Vormieter war Michael Conrads (36), ein bekannter Künstler in Hamburg, der eine ganze Wand in der Wohnung bemalte. Wenn Günter Westphal durch das Viertel streift und die Zeichnungen von Jonas und anderen jungen Künstlern sieht, weiß er, warum er hier wohnt: Für ihn ist das Münzviertel eine Insel für Künstler mitten in der Großstadt, ein Juwel am Hauptbahnhof. Woanders wohnen? – das kann sich Westphal nicht vorstellen. Das geht nicht jedem so. Viel zu laut – sagen viele, nach dem kleinen Stadtteil gefragt. Und tatsächlich, es vergeht kaum ein Moment indem nicht ein Regionalexpress kreischend die letzte Kurve Richtung Hauptbahnhof entlang fährt. „Das gehört einfach dazu,“ sagt Westphal. Dazu gehören auch die vielen Hilfseinrichtungen im Stadtteil. Pik Herz, Stadtmission, Werkhaus und das Winternotprogramm kümmern sich um die vielen Wohnungslosen. Auch das gehört laut Westphal zu einem Viertel so nahe am Hauptbahnhof.

Nächstes Stadtteilfest am 9. August

„Beeindruckend ist vor allem das Engagement der Bewohner für ihren Stadtteil“, sagt der Künstler. Höhepunkt ist jedes Jahr das Straßenfest im Münzviertel. „Das war vor 14 Jahren nur eine große Studentenparty, aber Jahr für Jahr ist es immer größer und bunter geworden“, sagt Jonas Grewe. Das nächste Fest auf dem Münzplatz findet am 9. August statt. (mt)


Das Münzviertel ist ein Teil vom Hamburger Stadtteil Hammerbrook. Es liegt zwischen St. Georg und Hafencity. Hamburger Kunstmeile und Innenstadt sind zu Fuß nur wenige Minuten entfernt. Rund 1.200 Menschen leben im Münzviertel, viele Studenten und Künstler.
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