Hamburg: Pflegemutter, nur auf Zeit

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Pflegemutter Brigitte in ihrem Garten. Hier können ihre vier Enkelkinder und das Pflegekind gemeinsam spielen

In speziellen Familien finden hilfsbedürftige Kinder ein temporäres Zuhause

Von Elke Grewe
Hamburg Niedlich sieht sie aus mit ihrem rosa Shirt und gestreifter Hose: Die kleine Marie (Name von der Redaktion geändert) schlummert im Arm von Brigitte Erbath. Gerade acht Wochen ist sie alt und hat in dieser kurzen Zeit schon viel erlebt. Das kleine Mädchen kam gleich nach der Geburt, direkt vom Krankenhaus, in die Bereitschaftspflegefamilie Erbath. „Und knapp zwei Stunden war sie bei uns zu Hause, da musste sie gleich wegen Herzproblemen wieder für eine Woche ins Krankenhaus. Das war für uns ganz schön aufregend“, erzählt Brigitte E., die zusammen mit ihrem Mann Michael seit neun Jahren regelmäßig Kinder für eine gewisse Zeit in Pflege nimmt. Neun sind es bisher gewesen.
Seit mehr als 20 Jahren organisiert der Pflege- und Patenkinder Fachdienst für Familien „Pfiff“ als freier Träger Bereitschaftspflegefamilien für Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen nicht von ihren Eltern versorgt werden können. Sie sollen den Kleinen in einer schwierigen Lebensphase Halt geben. Bereitschaftsfamilien sind die familiäre Alternative zu Kinderschutzhäusern, wo die Kleinen stets andere Bezugspersonen haben.
20 Bereitschaftsfamilien gibt es zurzeit in Hamburg. Leider viel zu wenige. Nur ein Viertel der Kinder in Not kann vermittelt werden. „Deshalb unterstütze ich den Aufruf von ‚Pfiff‘ und werbe für mehr Bereitschaftsfamilien“, sagt Senator Detlef Scheele.
Die Anforderungen an diese temporären Pflegemütter und -väter wurden 2012 neu geregelt. Die wichtigsten Voraussetzungen sind das Einverständnis aller Familienangehörigen zur Bereitschaftspflege. Ferner sollte die Hauptbetreuungsperson nicht berufstätig und die eigenen Kinder älter als zwei Jahre sein. Natürlich sollten die betreuenden Personen auch belastbar, geduldig und flexibel sein. Je nach Alter des Kindes wird ein monatliches Pflegegeld gezahlt.
„Die ersten Pflegekinder waren gleich Zwillinge“, erzählt Brigitte E. und schaut dabei Marie liebevoll an. „Wenn wir gemeinsam demnächst mit unseren Enkelkindern und der kleinen Marie Weihnachten feiern, gibt es natürlich auch keinen Unterschied zwischen allen, was Geschenke angeht“, so die Pflegemutter.
Die kleine Marie ist bei der Familie incognito untergebracht, weil „Pfiff“ das für sicherer für das Kind hielt. Die leiblichen Eltern sehen aber trotzdem, an einem anderen Ort, regelmäßig ihr Kind. Pflegekinder sollen nur für eine befristete Zeit untergebracht werden, eigentlich nicht länger als sechs Monate. „Aber unsere ersten Zwillinge waren viel länger bei uns. Ich muss wissen, wohin die Reise geht. Erst dann gebe ich das Kind ab“, sagt die 63-Jährige. „Meistens machen mein Mann und ich dann erst mal eine längere Reise, um andere Eindrücke zu bekommen.“

Der Kontakt bleibt

Auch nach der Trennung bleibt oft der Kontakt zu den leiblichen Eltern und dem Kind bestehen, für das Brigitte dann die Omi ist. Für die leiblichen Eltern, die ihr Kind ja meistens aus schweren persönlichen Problemen für eine gewisse Zeit abgegeben haben, ist diese Lösung optimal: Brigitte E. hat die ganze Zeit über den Aufenthalt des Kindes bei ihr in einem Büchlein dokumentiert – vom ersten Mal mit dem Löffel essen bis zu den zaghaften Gehversuchen. So können die leiblichen Eltern die Zeit nachverfolgen. Und um eine optimale Betreuung zu gewährleisten, bilden sich die Pflegeeltern regelmäßig bei „Pfiff“ fort. Für die Zukunft möchten beide die Betreuung von Pflegekindern fortsetzen. „Das ist wirklich eine Aufgabe, die uns sehr erfüllt.“

Ein Info-Abend findet am 26. November in der Pflegeelternschule beim Träger „Pfiff“ in Wandsbek statt. Anmeldungen auf pfiff-hamburg.de Tel.: 040/ 41 09 84 60
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