Hamburg: Zum Lernen ist es nie zu spät

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Almut Schladebach ist für die VHS-Lese- und Schreibkurse zuständig

Erwachsene lernen in der Volkshochschule Lesen und Schreiben

Von Christa Möller
Hamburg. Thomas Scharfenberg hat einen anstrengenden Beruf. Trotzdem ist der Friedhofsgärtner aus Altona auch in seiner Freizeit sehr aktiv, allerdings auf ganz andere Weise: Er drückt die Schulbank.
Seit sechs Jahren sitzt er einmal die Woche nach Feierabend bei der Volkshochschule im Karolinenviertel vor dem Computer. Doch das war ihm zuwenig, weshalb er seit drei Jahren zusätzlich noch zur Volkshochschule (VHS) nach Billstedt fährt. Hier im Zentrum für Grundbildung und Drittmittelprojekte (Hofgebäude an der Billstedter Hauptstraße 69 a) bietet ihm das Lerncafé freitags von 13.15 bis 14.45 Uhr die Möglichkeit, mit Hilfe von Computergestützten Lernprogrammen und entsprechend seines persönlichen Lernstandes im Lesen und Schreiben sicherer zu werden. „Das mache ich für mich selbst“, sagt der 52-Jährige, der Probleme mit dem Schreiben und Lesen hat, „weil ich in der Schule nicht so gut aufgepasst habe“. Doch in vielen Fällen ist das wohl eher nicht die Ursache, sondern die Folge einer nicht erkannten Lese- und Rechtschreibstörung. Bei der Volkshochschule finden Menschen mit diesem und ähnlichen Handicaps Hilfe nach dem Motto: Es ist nie zu spät zum Lernen. Übrigens, wer Lust und die Möglichkeit hat, kann das Erlernte zuhause noch vertiefen.

Ängste verlieren

„Es sind meistens Menschen, die noch einen Problemkreis mehr haben“, weiß Almut Schladebach, bei der Volkshochschule in Billstedt zuständig für die Lese- und Schreibkurse für Erwachsene, ein Bereich, den die ehemalige Volks- und Realschullehrerin auch mit aufgebaut hat. Die meisten ihrer Schüler, die nicht oder nicht richtig lesen und schreiben können, wollen lernen. Wer zur Volkshochschule kommt, verliert zumeist seine Ängste und stärkt sein Selbstbewusstsein, denn viele hätten Lernblockaden und trauten sich auch nicht, ihr Problem in der Öffentlichkeit zuzugeben. Ob die Teilnehmer der Grundbildungskurse später auch perfekt lesen und schreiben könnten, das sei individuell verschieden. Beachtlich: „Eine Teilnehmerin hat sogar ein Buch geschrieben“, erzählt Almut Schladebach, die die Schwierigkeiten ihrer Kursteilnehmer so erläutert: „Es sind nicht alle Menschen sportlich, es sind nicht alle musikalisch.“ Nur - Lesen und die Rechtschreibung zu beherrschen, sei gesellschaftlich absolut notwendig und ein größeres Handicap, wenn man es nicht könne.
Einstieg jederzeit
Pro Semester besuchen im Schnitt 220 Teilnehmer etwa 25 Grundbildungskurse in fünf verschiedenen Lernstufen bei der VHS. Die meisten sind zwischen 24 und 49 Jahre alt, 20 Prozent haben einen Hauptschulabschluss, etwas weniger ein Abgangszeugnis der Hauptschule. 50 Prozent besuchten die Sonderschule. „Einige Realschüler sind auch darunter“, sagtt Almut Schladebach. Das seien beispielsweise anerkannte Legastheniker. Ein Einstieg in die Kurse mit sechs bis acht Teilnehmern ist nach persönlichem Beratungsgespräch ist jederzeit möglich. Auch Migranten gehören zu den Interessierten. „Wenn jemand gut Deutsch spricht, sind wir zuständig.“ Besonders stolz ist Schladebach darauf, dass einige Teilnehmer sogar beim Wettbewerb des Deutschen Volkshochschulverbandes teilgenommen und auch gewonnen haben. Übrigens kennt sie als Mutter eines Sohnes mit Lese-Rechtschreibschwäche auch die Sicht der Betroffenen und weiß genau um die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben: Ihr Sohn hat mit Unterstützung sogar den Realschulabschluss gemeistert. Ihre bislang älteste Kursteilnehmerin war schon über siebzig, sie wollte nach dem Tod ihres Mannes endlich lesen lernen.
Lernen ohne Zeitdruck: Das Lerncafé ermöglicht das kostenlose Lesen und Schreiben üben in einer kleinen Gruppe am Computer, und das sogar ohne Anmeldung. Die Grundbildungskurse für Lesen Schreiben, Rechnen und Englisch gibt es in Barmbek, Billstedt, Farmsen, Harburg, Mitte, Osdorf, Wilhemsburg, Altona und Neuwiedenthal. Sie richten sich an Menschen ab 16 Jahren, die nicht richtig Lesen und Schreiben können, denen das Lernen schwer fällt, die viel Zeit zum Lernen brauchen oder Legastheniker sind. Für ALG2-Empfänger sind die Kurse kostenlos, alle anderen zahlen beispielsweise 90 Euro für 52 Unterrichtsstunden.
Weltweit können 860 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben. In Deutschland gelten 7,5 Millionen Menschen als Analphabeten. Die UNESCO hat 1965 den Weltalphabetisierungstag ins Leben gerufen. Er wird jedes Jahr am 8. September begangen.

Weitere Infos erteilt die Volkshochschule zu den Sprechzeiten dienstags von 10 bis 12 oder donnerstags von 14 bis 16 Uhr unter Tel.: 040 – 428 86 77- 23 oder im Internet: vhs-hamburg.de oder alphabetisierung.de
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