Hamburger Kundenzentren: Service nur noch auf Termin

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Andy Grote an der Hamburg-Karte in seinem Büro. Der Bezirk (zu sehen ist nur der östliche Teil) ist farblich hervorgehobenFoto: Malte Betz

Bezirksamtsleiter Andy Grote im großen Wochenblatt-Interview über das neue Trendquartier Hammerbrook, über Service-Veränderungen und warum er gegen eine erneute Olympia-Bewerbung ist

Von Malte Betz und
Klaus Schlichtmann

Hamburg. Der Leiter des Bezirksamts Mitte im großen Wochenblatt-Interview. Andy Grote spricht darin unter anderem über Neubauprojekte in Hammerbrook und Rothenburgsort, die zukünftigen Mieten in neuen Esso-Häusern und die Veränderungen in seinen Kundenzentren.

WochenBlatt: Herr Grote, wären Sie manchmal nicht lieber Bezirks-Chef in einem etwas übersichtlicheren Amt und nicht so mittendrin?
Andy Grote: Nee, ich möchte schon da sein, wo auch was passiert. Ich bin im Bezirk Mitte, auf St. Pauli zu Hause. Man kann nicht überall hingehen und so einen Job machen, man braucht schon eine innere Verbindung und die gibt´s für mich nur in Mitte.

WB: Wie fällt Ihre Bezirks-Bilanz des letzten Jahres aus?
Grote: Wir haben unser mit Abstand erfolgreichstes Jahr im Wohnungsbau gehabt, fast 1.500 Baugenehmigungen für Wohnungen, und haben den Einstieg in wichtige Projekte geschafft. Wie in Hammerbrook, wo wir mehr als 2.000 Wohnungen bauen wollen. Ein Stadtteil, der als Wohnquartier nach dem Krieg von der Landkarte verschwunden war. Jetzt setzen wir ihn wieder drauf. Wir sind außerdem mit wichtigen Projekten in St. Georg voran gekommen, haben den Durchbruch beim Integrations- und Familienzentrum und bei anderen Projekten geschafft. Es war das Jahr von IBA und IGS . Wir haben das Radwegesystem ausgebaut und sind wesentlich fahrradfreundlicher geworden. Ich glaube, wir haben im vergangenen Jahr ein bisschen Lebensqualität gewonnen.

WB: Wie geht es 2014 in Mitte weiter?
Grote: Beim Wohnungsbau mit steigenden Zahlen. Ich gehe davon aus, das wir in Mitte 1000 Wohnungen in diesem Jahr fertigstellen, die Hafencity nicht mit eingerechnet! Bei den Genehmigungen sollte es dieses Jahr auch vierstellig werden. Wir wollen bei den Wohnquartieren in Hammerbrook, Rothenburgsort und Wilhelmsburg vorankommen. Dort soll der Inselpark zu einem jetzt öffentlich zugänglichen Park für alle Wilhelmsburger weiterentwickelt werden. Die Sportangebote im Inselpark werden bundesweit einzigartig sein. Dann wird es die entscheidenden Weichenstellungen bei den Esso-Häusern geben: Da müssen wir ein überzeugendes Stück neues St. Pauli schaffen, mit einem sozialen Mix in mehr und dafür kleineren Wohnungen, die im Durchschnitt aber nicht teurer sein sollen als jetzt. Und der Anteil an gefördertem Wohnungsbau sollte dort nach meinen Vorstellungen an die 50 Prozent kommen. Und schließlich hoffe ich auf eine hohe Wahlbeteiligung bei den Bezirkswahlen im Mai. Die Hamburger müssen sich über die Wichtigkeit dieser Wahlen bewusst sein. Die spür- und sichtbare Entwicklung unserer Stadtteile wird in den Bezirken gestaltet.

WB: Sie sprachen die Bauprojekte in Hammerbrook und Rothenburgsort an – verschiebt sich Hamburgs Mitte nach Osten?
Grote: Hammerbrook wird ein richtig gemischtes, hoch spannendes und urbanes Quartier werden. Wir haben im Grunde genommen Jahrzehnte darauf hingearbeitet. Ein historischer Schritt in der ganzen Stadtentwicklung. In keinem Teil Hamburgs passiert mehr aktuell als in dieser Achse von Hammerbrook über Rothenburgsort bis nach Wilhelmsburg. Ein Gebiet so groß wie die ganzen Elbvororte. Da sind rund 12 000 Wohnungen in der Pipeline. Da entsteht das neue Hamburg, das ist die Zukunft. Natürlich geht es nicht nur um Wohnungen.
WB: Sondern?
Grote: Wir wollen da auch neue Kultureinrichtungen ansiedeln, ob wir über den Kulturkanal Wilhelmsburg reden oder über die Opern-Werkstätten in Rothenburgsort – Kultur ist immer auch Pionier und schafft ein Großstadt-Gefühl und das verstärken wir jetzt. Dutzende von Kultur- und Kreativschaffende sind dort bereits aktiv.

WB: Sie haben mal gesagt: ‚Hamburg hört nicht am Berliner Tor auf‘.
Grote: Ja, wir müssen das Koordinaten-Kreuz unserer Stadtwahrnehmung verschieben. Das eine ist diese Achse von Hammerbrook bis nach Wilhelmsburg, und dann aber auch natürlich Richtung Hamm, Horn, Billstedt. Das ist teilweise total faszinierend. Zum Beispiel gibt es in Billstedt, an der Straße Haferblöcken, ein Baugebiet, wo sie völlig im Grünen als junge Familie für einen Preis bauen können, für den man auf St. Pauli nicht mal die kleinste Eigentums-Wohnung bekommt. Früher galt: In den nachgefragten Hamburger Stadtteilen werden Eigentumswohnungen gebaut, Sozialwohnungen kommen in Stadtteile wie Billstedt – das drehen wir jetzt um und wollen aus dieser Logik herauskommen. Wir bauen die Sozialwohnungen auch in St. Georg, auch auf St. Pauli, auch in der HafenCity, dafür aber auch frei finanzierte und Eigentums-Wohnungen in Billstedt, Hamm und Horn.

WB: Das Thema Gentrifizierung, also die Verdrängung einkommensschwacher Bewohner durch Mietsteigerungen, bekommen Sie so allein aber nicht in den Griff.
Grote: Nein, mir ist bewusst, dass sich der Wunsch nach gemischten Stadtteilen nicht flächendeckend umsetzen lassen wird. Aber wir verfügen ja über Möglichkeiten, von definierten Sanierungsgebieten über städtebauliche und soziale Erhaltungsverordnungen bis zur integrierte Stadtteil-Entwicklung.

WB: Können Sie mal ein konkretes Beispiel nennen?
Grote: In St. Georg haben wir Investoren teilweise einen Anteil von bis zu 80 Prozent gefördertem Wohnungsraum abverhandelt. Das sind nicht mehr hier zwei und dort zwei Alibi-Wohnungen für sozial schwache Einkommen. An der Koppel, am Pulverteich oder jüngst im Münzviertel ist es ähnlich gelaufen. Im Karoviertel hat die Saga 900 Wohneinheiten übernommen, mit entsprechenden Verpflichtungen. Da werden die Mieten auf Jahrzehnte unter den Marktpreisen bleiben, und das in top sanierten Altbauten. Das ist alles noch nicht ideal aber wir bekommen langsam wieder einen besseren Ausgleich auf dem Wohnungsmarkt hin.

WB: Sie haben Anfang des Jahres das Occupy Camp in der City räumen lassen. Wird dieser Protest im öffentlichen Raum weitergehen?
Grote: Erst einmal: Für die inhaltliche Kritik dieser Bewegung habe ich großes Verständnis. Aber ein Mini-Dorf aus festen Holzbauten, in denen gelebt wurde, kann die Behörde nicht dauerhaft dulden. Trotzdem wollen wir der Bewegung eine Präsenz im öffentlichen Raum ermöglichen, vom Info-Stand bis zum Musik-Festival wäre aus unserer Sicht vieles möglich und würde von uns unterstützt.

WB: Gibt es Kontakt zwischen den Aktivisten und Ihnen?
Grote: Es wird in naher Zukunft ein Treffen geben, zumindest wurde bei uns eine Terminanfrage gestellt. Das freut mich.

WB: Die Esso-Häuser sind geräumt. Für wie viele Ex-Bewohner suchen Sie noch Ersatzwohnungen?
Grote: Von den Anfang Dezember noch 76 bewohnten Wohnungen haben wir für mehr als die Hälfte bereits Ersatz gefunden und sind weiter dabei. Die letzten Auszüge sind fast abgeschlossen. Die Häuser stehen leer.

WB: Wann kommen die Abrissbagger?
Grote: Ich vermute, dass der Abriss im Februar beginnt.

WB: Jeder zwangsevakuierte Bewohner hat ein Rückkehrrecht. Wann kann er das wahrnehmen?
Grote: Ich gehe von einem Zeitraum von mindestens vier Jahren aus, bis ein Neubau bezugsfähig wäre, eher wohl etwas länger. Für alle ehemaligen Mieter werden dieselben Bedingungen gelten wie vorher.

WB: Die Proteste werden mit dem Abriss vermutlich nicht enden.
Grote: Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber jeder, der mehr Anhörungen, mehr Beteiligungen, mehr Befragungen im Vorfeld des Neubaus fordert, muss sich klar sein: Überschreitet er dabei ein gesundes Maß, verhindert er damit die Rückkehr der Ex-Bewohner. Mit jedem Jahr, das vergeht, wird die Zahl der Rückkehrwilligen kleiner werden.

WB: Den Gebäuden ihrer Bezirksverwaltung am Klosterwall geht es kaum besser. Sie sind sanierungsbedürftig. Wann ziehen Sie um?
Grote: Wir rechnen mit drei bis vier Jahre bis zum Umzug und folgen unser Stadtentwicklung in Richtung Osten, allerdings nur über die Gleise ins Münzviertel, südlich des Hauptbahnhofs.

WB: Wird es rund um den Hauptbahnhof bald die viel diskutierte Anlaufstelle für alkoholabhängige Obdachlose geben, einen sogenannten ‚Trinkerraum‘?
Grote: Ich kann mir etwas in der Art vorstellen, einen geschützten und betreuten Bereich, von mir aus gerne mit einem Dach. Ein hoch umstrittenes Thema. Die Gegner sagen, man kann den Alkoholismus nicht staatlich unterstützen. Das Argument verstehe ich, aber die Alternative kann nicht sein, dass diese Menschen sich selbst überlassen werden. Es gibt zurzeit keinen geeigneten Raum, der zur Diskussion stünde. Wenn wir in dieser Frage weiterkommen wollen, dann nur im Zusammenhang mit der Umgestaltung des gesamten Hauptbahnhof-Umfeldes, die in diesem Jahr geplant wird.

WB: Im Dezember starb die 3-jährige Yagmur, nach bisherigen Erkenntnissen durch schwere Misshandlung in der elterlichen Wohnung. In Medienberichten hieß es jetzt, eine ihrer Jugendamtsmitarbeiterinnen hätte vier Aufforderungen des Familiengerichts zur Stellungnahme ignoriert. Dabei ging es um den möglichen Entzug des Sorgerechts. Stimmt das?
Grote: Ich wäre vorsichtig mit solchen Einzel-Feststellungen. Meiner Ansicht nach darf man so einen Fall nur im Zusammenhang mit allen Vorgängen und Fakten bewerten.

WB: Wann gibt es denn alle Fakten, damit der Fall abschließend bewertet werden kann?
Grote: Die Jugendhilfeinspektion wird Anfang Februar den Untersuchungsbericht vorlegen. Der wird alles beinhalten und muss die gemeinsame Grundlage für jede weitere Diskussion sein.

WB: Dass Beteiligte falsche Entscheidungen getroffen haben, steht doch außer Zweifel, oder?
Grote: Natürlich sind im Nachhinein betrachtet Fehler gemacht worden. Wäre Yagmur bei der Pflegemutter geblieben, würde sie heute vermutlich noch leben. Aber jeder, der über den Fall urteilt, muss wissen: Jugendhilfegeschehen heißt generell für die Beteiligten, dass sie in Unsicherheit handeln! Vom Betreuer bis zum Richter können sie immer erst rückblickend die Erfahrung machen, wie sich eine Entscheidung auf das Wohl eines Kindes ausgewirkt hat. Am Ende darf man auch nie vergessen, dass die Entscheidung, ein Kind von den Eltern zu trennen, in grundgesetzlich geschützte Rechte eingreift.

WB: Nach Artikel 6 ist die Erziehung die Pflicht und das Recht der Eltern.
Grote: Ich will damit nur verdeutlichen, in welchen hochschwierigen Abwägungsprozessen die Kolleginnen und Kollegen in den Jugendämtern bei ihren Entscheidungen da jeden Tag stecken. . Sie können Eltern in sozial schwierigen Verhältnissen nicht pauschal weniger Grundrechte zugestehen als anderen Eltern.

WB: Nach dem Tod von Pflegekind Chantal, vor zwei Jahren, traten Sie an, das System zu verbessern...
Grote: Es hat die weitreichendsten Strukturveränderungen im Jugendhilfesystem gegeben, die Hamburg je gesehen hat. Trotzdem ist das kleine Mädchen tot und wir sind alle tief betroffen und traurig. Natürlich hat man da jeden Grund, Dinge kritisch zu hinterfragen. Wir müssen gucken, an welchen Stellen Fehler passiert sind und ob diese Fehler zum Zeitpunkt des Handels erkennbar gewesen wären. Wir müssen in der Struktur des Systems nach weiteren Schwachstellen suchen.

WB: Wo könnten die liegen?
Grote: Wir müssen uns beispielsweise angucken wie die Übergabe von Fällen von Jugendamt zu Jugendamt erfolgt oder wie der Informationsfluss zwischen Familiengericht, Jugendamt, sozialem Dienst und Ermittlungsbehörden aussieht.

WB: Sie leben privat in St. Pauli. Fanden Sie die Einrichtung eines Gefahrengebietes nach den Angriffen auf Polizisten der Davidwache gerechtfertigt?
Grote: Als Leiter einer nicht zuständigen Behörde möchte ich das nicht kommentieren. Als jemand, der dort seit 15 Jahren wohnt, habe ich ein solches Maß an Gewalt wie rund um den 21. Dezember noch nie erlebt. Mein persönlicher Eindruck war, dass der Anteil der Handelnden, die nicht aus Hamburg und Deutschland kamen, sehr hoch war. Kein St.Paulianer schleudert am Samstagnachmittag Steinplatten in unseren Kiez-Supermarkt oder in die Drogerie, während dahinter Mütter mit ihren Kindern die Einkäufe einpacken.

WB: Ist die Finanzierungslücke für den Bau des Stadtteilzentrums in Horn definitiv geschlossen?
Grote: Ja, der Bau wird in diesem Jahr beginnen, die Genehmigung ging jetzt raus.

WB: Eine zehnmal größere Finanzlücke für den Anbau am Kultur Palast in Billstedt ist ungedeckt. Da fehlen zwei Millionen Euro. Können die Billstedter auf Unterstützung rechnen?

Grote: Der Bereich Billstedt/ Horn ist bundesweit das größte Stadteilentwicklungsgebiet, da hat jedes Projekt unsere volle Aufmerksamkeit wie übrigens auch das Mintarium, für das es jetzt ebenfalls eine Baugenehmigung gibt. Wir sind nach wie vor bereit, zwei Millionen in die Erweiterung des Kultur Palasts zu investieren. Die Kostensteigerung von fünf auf über sieben Millionen ist allerdings ein ernstes Problem, mit dem wir uns 2014 beschäftigen müssen. Ich habe keine weitere zwei Millionen Euro hier ungenutzt rumliegen.

WB: Um die Neuverschuldung auf Null zu setzen, müssen Sie sparen. Es gab bezirksübergreifend Überlegungen, Kundenzentren zu schließen. Welche wären das in Mitte?
Grote: Wir haben Kundenzentren in Billstedt, Wilhelmsburg, St. Pauli, Innenstadt und eine kleine Einheit in Finkenwerder. Davon wird keins geschlossen. Aber wir werden sie auf Terminbetrieb umstellen. Dadurch sparen wir Personal ein, weil wir es effizienter einsetzen können, und die Kunden sparen Wartezeit. Die Anmeldung erfolgt ganz unkompliziert, nur wenige Tage im Voraus.

WB: Sollte sich Hamburg bemühen, Austragungsort Olympischer Spiele zu werden?
Grote: Ich glaube, Hamburg hat wichtigere Probleme.

WB: Ist das Public Viewing zur Fußball-WM auf dem Heiligengeistfeld gesichert?
Grote: Ja, ich habe vor wenigen Tagen die entsprechende Sonderverordnung des Senats auf dem Tisch gehabt.

WB: Sie haben einen anstrengenden Job. Wie halten Sie sich fit?
Grote: Ich habe vor allem den besten Job der Welt. Dabei versuche ich, die freie Zeit für sportliche Aktivitäten einzusetzen. Das gelingt mir nicht immer. Ich schwimme gerne und mache Fitness.
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