Hamburger Osten: Auslese durch Postleitzahlen

Anzeige
Schüler aus dem Hamburger Osten liegen in vielen Bereichen zurück Symbolfoto: MEV

Azubis werden nach Wohnort ausgesucht. Bildungskonferenz will gegensteuern

Von Martin Jenssen
Billstedt/Horn/Mümmelmannsberg
Bildungsmäßig hinken Schüler aus Billstedt, Horn und Mümmelmannsberg den Kindern aus anderen Stadtteilen hinterher. Deswegen „flüchten“ sie, wenn sie die Möglichkeit bekommen, vor allem in die Schulen von Wandsbek und Marienthal. Mit einem Schulabschluss aus Marienthal haben Schüler bei der Berufswahl später sehr viel bessere Chancen als Schüler mit Abschlüssen aus den östlichen Stadtteilen.Tatsächlich wählen viele Betriebe ihre Azubis und Praktikanten häufig nach Postleitzahlen aus. Bewerber mit Postleitzahlen aus Billstedt, Horn und Mümmelmannsberg werden bei manchen Ausbildungsbetrieben gleich aussortiert. Über diese Postleitzahlen-Auslese und viele weitere schulische Probleme diskutierten rund 30 Teilnehmer der Regionalen Bildungskonferenz (RBK) in der Volkshochschule Billstedt. Zuvor hatte Sebastian Leist vom Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung eine Übersicht von den erfassten Daten im Hamburger Osten gegeben. Danach liegen die Schüler aus dem Osten in allen Bereichen zurück. So zum Beispiel bei dem Anteil der Kinder mit Sprachförderbedarf: Da liegt der Anteil hamburgweit bei 11,8 Prozent, in Billstedt, Horn und Mümmelmannsberg bei rund 25 Prozent. Es heißt sogar, dass die Schüler im Osten einen Bildungsrückstand von über zwei Jahren hätten. Ein Defizit, das von Jahr zu Jahr abgebaut wird. Es bedeutet nicht, dass die Kinder aus dem Hamburger Osten dümmer sind, als in anderen Hamburger Stadtteilen. Es bedeutet vor allem, dass sie in ihrer Entwicklung benachteiligt sind. Sieben von zehn Schülern in Billstedt kommen aus belasteten Haushalten (Hartz IV-Empfänger, Alleinerzieher). Der Anteil der Schulanfänger aus nicht deutschsprachigen Familien liegt bei 60 Prozent.
Ein Grund, warum viele gut ausgebildete Pädagogen sich scheuen, im Hamburger Osten zu unterrichten? Das mag für einige gelten, so die Meinung in der Diskussionsrunde, an der Lehrer sowie Mitarbeiter von Kitas und Jugendeinrichtungen teilnahmen. Die jungen Pädagogen, die nach Billstedt, Horn und Mümmelmannsberg kommen, seien hochmotiviert und würden beste Arbeit leisten. Durch ihre Leistung würden viele Defizite der Schüler nach und nach aufgearbeitet.

Kampagne angeregt


Gegen die Postleitzahlen-Auslese wurde angeregt, eine Kampagne zu starten, die die Schüler aus den östlichen Stadtteilen als die „Mitarbeiter und Handwerker der Zukunft“ anpreisen. Viele weitere Probleme gilt es, zu lösen. Es fehlt häufig die Erziehungsqualifikation der Eltern. Oft würden Kinder gar nicht auf die Schule vorbereitet. Sozialverhalten würden die Kleinen erst in den Kitas oder Grundschulen lernen. Großes Thema: die Unselbstständigkeit vieler Kinder und Jugendlichen. Einfachstes Arbeiten mit Schere oder Lineal würde ihnen oft erst in Kita und Grundschule beigebracht. Eine Lehrerin: „Ich kriege Bauchschmerzen, wenn ich an die Zukunft denke!“ Forderung der Pädagogen: „Die Eltern müssen viel mehr ins Boot geholt werden.“ Ein weiteres Problem: die Kinder interessieren sich kaum noch für die Natur, toben nach der Schule nur selten durch die Parkanlagen der Stadtteile. Fernsehen hat der Natur den Rang abgelaufen. Ein Freizeitproblem haben viele muslimische Schüler. Eine Lehrerin: „Fast jedes zweite muslimische Kind muss am Sonnabend die Koranschule besuchen. Die Kinder haben so nur noch einen Tag in der Woche frei.“
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige