Hamburger Projekt „Barrierefreie Arztpraxen“ gestartet

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Projektleiterin Kerstin Hagemann im Rollstuhl vor einem nicht rollstuhlgerechten Waschbecken Foto: Jenssen/Patienten-Initiative
 
Klaus Becker (von links), Thomas Bolt, Isabella Vértes-Schütter und Kerstin Hagemann machen sich für die Aktion stark Foto: Jenssen/Patienten-Initiative

„Barriere-Scouts“ sollen Stadtplan für Behinderte erstellen

Von Martin Jenssen
Hamburg
Menschen mit Behinderungen, die Hilfe benötigen, sind oft ratlos. Sie brauchen dringend einen Arzt, wissen aber nicht, welche Praxis für sie die richtige ist. Wo ist der Arzt, den sie gut erreichen können, der sie versteht und den sie verstehen? Damit behinderte Patienten von vornherein wissen, welche Praxis auf ihre Probleme besonders eingeht, wollen der Verein Patienten-Initiative und die Kontakt- und Informationsstellen für Selbsthilfegruppen (KISS Hamburg) eine transparente Übersicht über die Barrierefreiheit in Hamburger Arztpraxen erstellen. Ziel: ein Stadtplan, in dem alle 4200 Arztpraxen in Hamburg erfasst sind.
In den Räumen der Patienten-Initiative am Brauhausstieg in Wandsbek stellten Kerstin Hagemann, Leiterin des Projekts „Barrierefreie Arztpraxen“, Thomas Bolt von der AOK und Klaus Becker, Leiter des Inklusionsbüros Hamburg, die Initiative vor. Mit dabei auch Isabella Vértes-Schütter, früher Ärztin, jetzt Intendantin des Ernst Deutsch Theaters. Sie ist die Schirmherrin der Aktion. Grundlage des Projekts ist eine neu entwickelte Checkliste, die die unterschiedlichen Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen berücksichtigt. Dabei werden von den „Barriere-Scouts“, die die Arztpraxen aufsuchen, Fragen unterschiedlichster Art gestellt: Gibt es Orthopäden, die auf gehörlose Patienten eingestellt sind? In welcher Praxis kann sich ein Patient mit Rollator problemlos bewegen? Wo findet eine Rollstuhlfahrerin eine gynäkologische Praxis mit einem höhenverstellbaren Untersuchungsstuhl? Kann ein geistig behinderter Patient die Diagnose des Arztes verstehen?
„Es geht dabei nicht um eine Bewertung der Praxen. Ein Arzt mit Stufen vor der Praxis kann für sehbehinderte Patienten gut ausgestattet sein oder Kenntnisse in der Gebärdensprache haben. Wir wollen mit dem Projekt Vorhandenes sichtbar machen, damit die Suche leichter wird“, erklärt Projektleiterin Kerstin Hagemann, die selbst einen Rollstuhl nutzt. Finanziell unterstützt wird das Projekt von der AOK. Thomas Bolt: „Die Aktion kommt ganz Hamburg zu Gute, nicht nur unseren Patienten. Das ist in Ordnung. Inklusion ist ein wettbewerbsfreies Feld.“ Die Scout-Aktion für Behinderte, in der Bundesrepublik bisher einzigartig und richtungsweisend, ist bereits in mehreren Krankenhäusern in Hamburg erfolgreich gelaufen. Dr. Thomas Wolfram, Sprecher der Geschäftsführung der Hamburger Asklepios Kliniken: „Die durch die Barriere-Scouts gewonnenen wertvollen Erkenntnisse werden wir in jedem Fall in aktuelle und zukünftige Entwicklungen und Planungen einbeziehen.“ Nicht von Ungefähr wurde Isabella Vértes-Schütter zur Schirmherrin der Aktion. Das Ernst Deutsch Theater hat schon viel für die Inklusion erreicht. Es ist eine Bühne, die sich bemüht, Theateraufführungen auch für gehörlose und blinde Besucher zu einem großen Erlebnis werden zu lassen. Die Theaterintendantin: „Wir sollten uns in Hamburg auf den Weg machen, um in allen Bereichen der Gesellschaft einen Stadtplan der Barrierefreiheit zu erreichen.“
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1 Kommentar
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Eleonore Heilmann aus Bramfeld | 25.03.2016 | 20:03  
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