Historische Ausflugslokale in Hamburg

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1889: Der Schinkenkrug an der Horner Landstraße am westlichen Ortseingang Zeichnung: W.Heuer, GW-Archiv
 
2016: Nach dem Krieg siedelten sich auf dem Areal Autohändler an Foto: Gerd von Borstel

Über den „Schinkenkrug“ in der Horner Landstraße. Teil 16 der Serie „Horn – damals und heute“

Gerd Rasquin/Gerd von Borstel
Horn
In der 16. Folge unserer Serie in Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Horn geht es aus dem stickigen Hamburg des 18. Jahrhunderts hinaus zu den Ausflugslokalen entlang der Horner Landstraße und dort speziell zum „Schinkenkrug“. Von diesem einst malerisch gelegenen Fachwerkhaus weiß der Horner Chronist Gerd Rasquin einiges zu berichten: Erstmals erwähnt wurde das Haus im Personenverzeichnis des Hamburger Adressbuchs von 1797 mit der Witwe des Tischlermeisters H.A. Klambeck als „Wirtin im Schinkenkrug in Horn“. Danach übernahm ab 1823 Johann August Jahns zusammen mit seinem Sohn den alten Schinkenkrug. Beide machten den Gasthof zum weithin beliebten Ausflugslokal, das im oberen Stockwerk sogar 16 Fremdenzimmer besaß. Ein gepflegter Garten mit altem Baumbestand reichte bis an die Bille. Während der Sommermonate kamen alljährlich viele Gäste zur Erholung. 1834 gab er den Gasthof auf und eröffnete an der Landstraße Nr. 66 in Hamm einen neuen. Weil das Geschäft dort sehr gut lief, bot er seit dem 27. Juli 1835 erste regelmäßige Kutschenfahrten an. Sie führten vom Letzten Heller die Landstraße entlang bis zur Petrikirche. Mit diesem ersten „öffentlichen Nachverkehr“ war Horn nun von der Stadt aus „bequem“ zu erreichen. Nachdem Jahns 1834 den Gasthof in Hamm eröffnet hatte, war Johann Peter Daniel Schultz neuer Wirt im alten Schinkenkrug geworden. In den nächsten Jahren wechselten die Besitzer mehrfach; das Geschäft lief nicht mehr so gut. Voranschreitende Baufälligkeit ließen das alte Haus zu einem interessanten Spekulationsobjekt werden, denn das Hamm-Horner Grenzgebiet galt seinerzeit als gute Wohnlage. Nachdem die Hamburger Maurermeister Areldy & Vortmann das Grundstück 1890 erworben hatten, ließen sie den Schinkenkrug samt Garten-Kegelbahn im Mai 1891 abreißen und gleichenorts ein dreistöckiges Wohnhaus mit den Nummern 26-30 errichten. Dieses wurde im 2. Weltkrieg zerstört. Auf der freien Fläche siedelten sich danach Autohändler und -werkstätten an. Weit über die Grenzen Horns bekannt geworden war der „Schinkenkrug“ durch den Blutegelhandel, denn der Fang dieser Tierchen war schon bei den Vierländern Anfang des 19. Jahrhunderts ein einträgliches Geschäft. Die von der Medizin sehr geschätzten Egel wurden in der näheren und weiteren Umgebung gesammelt. Die deutschen Fanggebiete in Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Pommern, Preußen und Polen erschöpften sich jedoch bald. Da hörten die Vierländer Ihlenfänger, dass zahlreiche Gewässer Russlands mit Blutegeln reich besetzt seien. Seit etwa 1830 fuhren sie nun um Ostern herum mit ihren Pferdekarren dorthin. In etwa sechs Wochen wurde der Weg zurückgelegt. In den bedeutendsten Jahren des Blutegelfangs importierte man jährlich zweihundert- bis fünfhunderttausend Blutegel pro Wagenladung. Im Gasthof „Schinkenkrug“ der Dorfschaft Horn fanden sie reißenden Absatz, und schon vor der Rückkehr der Ihlenfänger im Herbst kamen Franzosen, Engländer, Holländer, Belgier, Schweden, Nord- und Südamerikaner, um hier ihren Bedarf an guten Blutegeln sicherzustellen. Das Preiseaushandeln zwischen Ihlenfängern und den fremden Maklern brachte dem Gasthof den Beinamen „Blutegelbörse“ ein.

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