Horner Landstraße verödet

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Schmucklose Geschäftszeile an der Horner Landstraße Foto: Jenssen
 
Die Ladenzeile Horner Landstraße rund um die Einmündung Bauerberg im Jahre 1971. Das Foto stammt aus dem Nachlass von Hans Bünning Foto: Geschichtswerkstatt

Anwohner fürchten, dass Straße zur Rotlichtmeile wird

Von Martin Jenssen
Horn. Neuerdings stöckeln abends feine Damen an der Seite von Herren in eleganten Anzügen durch die Horner Landstraße. Unbefangene Beobachter würden fragen: „Ist Abendshopping angesagt?“ - Das wäre eine wunderbare Option für das große Wohnviertel, in dem es früher alles gab: Schlachter, Gemüseläden, einen Feinkostladen, eine Tierhandlung, Autohändler, ein Fischgeschäft, Kaffeeröster, Drogerien, Banken und vieles mehr.
Aber, leider nein! Niemand kommt zum Shopping nach Horn. Die Damen und Herren, die abends durch den Stadtteil spazieren, sind nicht zum Einkaufen gekommen. Sie suchen den Swingerclub, der sich kürzlich in einer ehemaligen Gaststätte etabliert hat. Von den schick gekleideten Gästen ist am nächsten Morgen niemand mehr in Horn zu sehen. Im Hellen präsentiert sich die Einkaufsstraße wieder in ihrem heruntergekommenen Zustand. Eine schmucklose Ladenzeilen mit nur noch wenigen wirklich guten Geschäften.
Trostlos
In den verlassenen Läden haben sich Pizza-Bäcker und chinesische Küchen angesiedelt, die ihre Waren außer Haus verkaufen und per Boten verschicken. Im Umkreis von etwa 500 Metern gibt es zwei „Sportbars“ mit Wettbüros und zwei Geschäfte mit Spielautomaten. Der Zustand der Geschäftsstraße ist schon seit Jahren trostlos. Mit der Schließung der Haspa-Filiale an der Horner Landstraße/Ecke Bauerberg ist es noch trostloser geworden. Nach der Deutschen Bank ist nun auch die letzte Bank aus dem Viertel verschwunden. Von den Einzelhandelsgeschäften hat vor wenigen Tagen ein Gardinengeschäft aufgegeben. Ein Schild mit der Aufschrift „Zu vermieten“ klebt im Schaufenster.
Es wird schwer sein, einen seriösen Nachmieter zu finden. In zwei ehemaligen Geschäften in der Nachbarschaft bleiben die Vorhänge bei Tag und Nacht verschlossen, obwohl es dahinter regen Geschäftsbetrieb gibt. Junge Damen bieten dort „ihre Dienste“ an. Die Anwohner befürchten, dass sich weitere Rotlicht-Geschäfte ansiedeln.
Doch wo es Schatten gibt, da ist auch Licht und Hoffnung. In Horn sind es die „Geschäfts-Veteranen“, die nicht aufgeben und die sich auch in schlechten Zeiten nicht vertreiben lassen. Dazu gehören der Buchhändler Joachim Wilkening (64), Goldschmied Uwe Holst (71) und der Sattler Lothar Müller (67).
Joachim Wilkening (64) ist ein Unikum. Der letzte Buchhändler in Horn. Seit 1980 ist er Inhaber der „Wichern Buchhandlung“ an Horner Landstraße. Einsam ist es um ihn herum geworden, oft ist er allein im Laden.Viel Laufkundschaft gibt es nicht. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Bewohner aus fremdsprachigen Kulturen ins Viertel, die nicht viel mit deutschen Büchern anfangen können. Aber Joachim Wilkening will seine Stammkunden, die ihm über 30 Jahre die Treue gehalten haben, nicht im Stich lassen. „Ich mache weiter, so lange es geht“, sagt er. Langeweile kennt er nicht. Wer sich als Buchhändler langweilt, der hat seinen Beruf verfehlt“, erklärt er. „Horn wurde von allen im Stich gelassen“, meint Goldschmied Uwe Holst, der seinen Laden seit 1972 führt. Er kann es nicht fassen, dass man die Einkaufsstraße so verkommen ließ. Trotzdem hält er Horn die Treue, so wie seine Stammkunden ihm die Treue gehalten haben. So lange es geht, will er den Goldschmiedebetrieb weiterführen.
Auch der Betrieb von Lothar Müller (67) wird die Krise an der Horner Landstraße überdauern, denn erfahrene Sattler und Schuster sind rar geworden. Der Sattler bekommt viele Aufträge aus Süddeutschland, wenn es darum geht, alte Sättel oder Lederkoffer, zu restaurieren. Noch zwei Jahre will Müller seine Laden, den er vor 28 Jahren gründete, persönlich leiten. Dann soll eine junge Dame übernehmen, die er ausgebildet hat.
Mit Freude sehen die „Veteranen“, dass zur Zeit viele
junge Leute ins Viertel ziehen, weil hier die Mietpreise noch bezahlbar sind. Dadurch könnte es in Horn zu einem Wandel kommen. Die erfahrenen Geschäftsleute hoffen darauf, dass die neuen Anwohner das Viertel mit kreativen Ideen wieder auf Vordermann bringen. (je)
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2 Kommentare
71
Philipp Anz aus Rothenburgsort | 21.08.2013 | 13:27  
28
dieter Hesimann aus Hamm | 21.08.2013 | 20:38  
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