Im Reich der Mitte

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Hat den Überblick: Andy Grote (44), Bezirksamtsleiter Hamburg-Mitte, auf dem Balkon des Bezirks- amts.Foto: mt
 
Andy Grote wünscht sich in diesem Jahr eine Entscheidung über das neue Bezirksamt. Foto: mt
 
So soll ein Teil des geplanten Wohnviertels aussehen. Am Sonninkanal könnten 330 Wohnungen entstehen. Foto: hfr

Interview mit Bezirksamtsleiter Andy Grote

Bezirk. Andy Grote, Bezirksamtsleiter von Hamburgs vielfältigstem Bezirk, spricht über sein erstes Amtsjahr, alte Probleme und neue Herausforderungen. Ehrgeizige Bauvorhaben, Umstrukturierungen des Jugendamtes und die Entwicklung der Stadtteile stehen unter anderem auf seiner Agenda 2013.

Andy Grote ist seit 37 Wochen im Amt, welches er von Markus Schreiber übernahm, der nach dem Skandal um den Tod eines Pflegekindes in Wilhelmsburg im vergangenen Februar zurückgetreten war. Andy Grote fühlt sich wohl im Bezirk-Mitte, in dem wie er sagt, Hamburg noch Großstadt ist. Mit all seinen Vorzügen und Problemen. Das Jugendamt in Hamburg-Mitte ist laut Grote mitten in einer weitreichenden Umstrukturierung. So wird beispielsweise eine Jugendhilfeinspektion eingerichtet und die Arbeitsfähigkeit ständig überwacht. Um Fachkräfte zu gewinnen wurden die Mitarbeiter des Jugendamtes um eine Gehaltsstufe angehoben. In dem Bezirk gibt es noch weitere Baustellen, wie bezahlbarer Wohnraum oder das Ladensterben. Dem will der Sozialdemokrat und bekennender Pauli-Fan mit Bebauungsplänen entgegen treten, welche einzelne, sich ausbreitende Arten von Gewerbe ausschließen.
Zum Amtsantritt im vergangenen Jahr wünschten Sie sich, dass die Menschen in den östlichen Stadtteilen in Zukunft genauso gern in ihren Vierteln wohnen wollen, wie die Menschen auf St. Pauli.
Das ist eine schöne Vorstellung. Wie wollen Sie das schaffen?
Grote: Zum einen unterstützen wir eine Stadtentwicklungsdynamik, die sich von Westen nach Osten bewegt. Die Hafencity wächst Richtung Rothenburgsort, St. Georg und die Innenstadt weiter nach Osten über das Münzviertel nach Hammerbrook hinein. Riesige Wohnungsbauprojekte in Hammerbrook auf einer Fläche die den Stadtteil verändern werden.

„Kaum ein Hamburger hat Hammerbrook auf dem Zettel, in Wahrheit ist es einer der spannendsten
Hamburger Stadtteile.“
Zum anderen müssen wir in den noch weiter östlich gelegenen Stadtteilen selbst für eine verbesserte Lebensqualität sorgen. Ein wichtiger Schwerpunkt ist die Sanierung und Revitalisierung von Mümmelmannsberg. Wir glauben, dass sich dadurch die Wahrnehmung, die Lebensqualität und das Image verändern werden. Der hochqualitative Wohnungsbau von Einfamilienhäuser oder Mehrfamilienhäuser am Schleemer Bach beispielsweise werden auch in Billstedt das Image und die Qualität verändern. Außerdem wollen wir den Kulturpalast in Billstedt erweitern. Er ist ein kultureller Leuchtturm.

WB: Jedoch kann man in Billstedt das Image-Problem nicht einfach wegsanieren. Wie passt die Unterbringung von weiteren 69 Asylbewerbern in Billstedt, als den Stadtteil mit bereits vier Wohnheimen für Flüchtlinge, Asylsuchende und Obdachlose, zu den Zielen des Bezirksamtes, den Stadtteil aufzuwerten?
Grote: Ja, das ist ein schlechtes Signal für Billstedt. Der Stadtteil ist mit vielen Problemen belastet und es ist völlig klar, dass es bei den Bürgern wenig Verständnis für hinzukommende Belastungen gibt. Bei dem Thema Unterkunft gibt es eine gesamthamburgische Anstrengung. Wir haben uns als Bezirk dafür ausgesprochen, dass das in Billstedt nicht passiert, weil es in dem Stadtteil schon sehr große Unterkünfte gibt. Andererseits gibt es aus Sicht des Senats nur sehr wenige geeignete und schnell verfügbare Standorte, aus diesem Grund hat man sich für ein ehemaliges Schulgelände im Oststeinbeker Weg in Billstedt entschieden. Die Unterbringung ist aber zeitlich klar limitiert. Genau auf diesem Grundstück werden wir in zwei Jahren anfangen Wohnungen zu bauen. Das Planverfahren läuft bereits.
WB: Wie wollen Sie die Menschen von der Lebensqualität in Billstedt überzeugen?
Grote: Das können Sie sich schon heute anschauen. Das neue Siedlungsgebiet in der Archenholzstraße in Billstedt wird gut angenommen. Was Sie dort für ein Einfamilienhaus zahlen, dafür bekommen Sie auf St. Pauli nicht mal eine 3-Zimmerwohnung. Es ist Grün, nicht weit zum Öjendorfer See und eine Nahversorgung ist auch vorhanden, also eine tolle Grundstückssituation. Wenn man sich den Stadtteil wirklich mal anschaut, hinfährt und umsieht stellt man fest, es ist an vielen Stellen richtig schön.

„Dort wird ein tolles neues Stück Hamburg entstehen.“
WB: Ein weiterer Stadtteil, der im Fokus steht, ist Hammerbrook. Sie haben bereits große Wohungsbauprojekte angekündigt. Was passiert 2013 in dem Stadtteil?
Grote: Bauen geht ja leider nicht so schnell. Wir gehen aber davon aus, dass wir die ersten Baugenehmigungen in diesem Jahr bekommen werden. 1800 Wohnungen, das bedeutet rund 4500 Menschen durch die der Wohnstandort Hammerbrook, den es vor dem Krieg schon gab, erst wieder neu entsteht. Dort wird ein tolles neues Stück Hamburg entstehen.
WB: Wie steht es um die Stadtteile Hamm und Horn?
Grote: Zum einen hoffen wir, dass das Stadtteilhaus Horner Freiheit dieses Jahr genehmigt wird und in den Bau geht. Diese Gemeinschaftszentren sind wichtig, weil sie soziale Mittelpunkte bilden und Identität vermitteln. Zum anderen ist die Entwicklung des Horner Zentrums stark mit dem Schicksal der Horner Rennbahn verbunden.
Hamm ist ebenfalls ein Stadtteil der sich total positiv entwickelt, wo ganz viele jüngere Menschen und Familien hingezogen sind, die den Stadtteil wieder aufleben und aufblühen lassen.

WB: Wird bezahlbarer Wohnraum immer knapper und weiter an die Randgebiete gedrängt?
Grote: Im Moment steuern wir mit unserem Wohnungsbauplan gegen diesen Trend. Ganz aktuell hat sich die SPD in Hamburg dazu entschieden Mietsteigerungen zu begrenzen. Das bedeutet, dass in allen Stadtteilen die Mieten von Bestandswohnungen nur noch um 15 Prozent innerhalb von drei Jahren steigen dürfen. Ich halte das für sehr sinnvoll.

WB: Herr Grote, Sie erwähnten eingangs die Jugendhilfe als problematisches Themenfeld. Hat sich etwas nach den Schlagzeilen der vergangenen Jahre über das Jugendamt Hamburg-Mitte verändert?
Grote: Wir sind mitten im weitreichendsten Umstrukturierungsprozess in der Hamburger Jugendhilfe, insbesondere im Bezirk Hamburg-Mitte, den ich mir überhaupt vorstellen kann. Wir haben an vielen Stellen Vorgaben, Vorschriften und fachliche Anweisungen verschärft und präzisiert.

„Ich glaube gründlicher kann an mit einem Fall nicht
umgehen.“
Was wurde konkret
geändert?
Grote: Zum Beispiel die Fachanweisung Pflegekinderwesen, die das Auswahlverfahren von Pflegeeltern genauer präzisiert. Es gibt jetzt eine höhere Regelungsdichte, um mehr Handlungssicherheit zu schaffen. Das war eine Konsequenz nach dem Tod des elfjährigen Pflegekindes Chantal.
Wir überwachen jetzt fortlaufend die Arbeitsfähigkeit des Jugendamtes und des Allgemeinen Sozialen Dienstes. Es werden ständig Erhebungen durchgeführt, um festzustellen, wie die Stellen dort besetzt sind oder wie lange die Verfahren dauern. Wir haben jede einzelne Pflegefamilie überprüft. Gesundheitszeugnisse, Drogentests, erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse und Hausbesuche werden kontrolliert und durchgeführt. Außerdem wurde die Vergütung im Jugendamt angehoben. Ich glaube gründlicher kann man mit einem Fall nicht umgehen. Er beschäftigt uns praktisch jeden Tag.

WB: Was haben Sie sich für Ihr zweites Amtsjahr vorgenommen, Herr Grote?
Grote: Ich will, dass wir im Bezirk Mitte wieder 1000 Wohnungsbaugenehmigungen erreichen, ich möchte, dass auch weiterhin die Qualität in der Jugendhilfe weiterentwickelt wird, und ich hoffe auf eine Entscheidung über das neue Bezirksamt im April. Ich wünsche mir, dass die Dynamik in der Entwicklung von Hamburg dazu führt, dass auch in den Köpfen der Hamburger die Stadt am Berliner Tor nicht aufhört.
Herr Grote, wir danken Ihnen für das Gespräch.
(Interview: Marco Thielcke)
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1 Kommentar
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Erich Heeder aus Billstedt | 16.01.2013 | 14:19  
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