„Keiner muss auf der Straße übernachten“

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Vor der Unterkunft Münzstraße: Dr. Rembert Vaerst (fördern und wohnen, v.l.), stellv. Unterkunftsleiter Christoph Kaulfuss, BASFI-Koordinator Detlef Schrage, Unterkunftsleiterin Antje Kianidoost, Amtsleiter Michael Klahn (BASFI), Christian Dissanayake, Leiter der Unterkunft Schaarsteinweg Foto: Luckey
 
Ulrich Hermannes , Verein Hoffnungsorte: „Im „Herz As“ finden die Obdachlosen Ruhe von der Straße, ein Essen und Menschen, die sie beraten.“ Foto: Luckey

Winternotprogramm mit 890 Schlafplätzen gestartet – Tagesaufenthaltsangebote fehlen.

Von Annette Luckey
Hamburg
Sonntag 16.30 Uhr, kurz vor dem Start des Winternotprogramms. Eine Menschentraube bildet sich vor der zentralen Anlaufstelle für Obdachlose an der Münzstraße 6-9. Frauen und Männer, vereinzelt auch Paare. Sie kommen aus Osteuropa, dem Baltikum, aus Schwarzafrika. Sie alle hoffen auf einen warmen Platz in der Unterkunft. 890 Schlafplätze – zusätzlich zu den ganzjährig geöffneten Übernachtungseinrichtungen – stellt die Stadt in diesem Jahr kostenlos bereit: allein 400 Betten in Containern und im ehemaligen Schulgebäude im Münzviertel. Weil die alten Standorte, in den Schulen Weddestraße, Hammer Straße und am Grünen Deich mit Flüchtlingen belegt sind, hat die Sozialbehörde die Kapazitäten im Münzviertel nahezu verdoppelt. Für weitere 350 Menschen wurde das ehemalige Verlagsgebäude am Schaarsteinweg 14 angemietet und hergerichtet. 140 Menschen werden in Wohncontainer auf dem Gelände von Kirchengemeinden, der Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Evangelischen Hochschule Rauhes Haus untergebracht und betreut. Die Anspannung unter den Wartenden im Münzviertel ist groß. Viele von ihnen hatten schon Tage und Stunden vor der Diakonischen Tagesaufenthalts-Stätte (TAS) an der Bundesstraße gewartet, um einen der begehrten Plätze der Kirchengemeinden zu ergattern, die sie tagsüber nicht verlassen müssen. Vergeblich, die Plätze waren schnell weg und nun grassierte die Angst, auch im Münzviertel leer auszugehen. Doch der Andrang fiel – auch dank der milden Temperaturen – geringer aus als erwartet und nach einer Stunde konnten die rund 226 Menschen „ihre“ Container und Räume am Schaarsteinweg beziehen. 60 Frauen, 30 Pärchen und 280 Männer erhalten im Münzviertel über den Winter ein Dach über den Kopf. Bis zu fünf Sozialarbeiter des städtischen Sozialen Dienstleistungsunternehmens „fördern und wohnen“ sind vor Ort, um die Menschen abends zu betreuen, so Geschäftsführer Dr. Rembert Vaerst. Im backsteinernen Schulgebäude sind Speisesäle eingerichtet. Hier erhalten die Schutzsuchenden abends eine warme Mahlzeit – organisiert von Ehrenamtlichen und der Hamburger Tafel. Speziell für die in Hamburg gestrandeten Osteuropäer sind polnisch sprechende Sozialarbeiter der benachbarten Anlaufstelle „Plata“ der Stadtmission vor Ort. Da das Schulgebäude und ein Containerblock am Standort Münzviertel erst im Laufe der Woche bezugsfertig werden, waren die Unterkünfte am ersten Abend voll belegt. Morgens um 9 Uhr, versorgt mit Kaffee und Tee, müssen die Bewohner die Unterkunft bis 17 Uhr verlassen. Der Verein „Hoffnungsorte“ der Stadtmission, der in unmittelbarer Nachbarschaft in der Tagesaufenthaltsstätte „Herz As“ rund 110 Personen aufnehmen und betreuen kann, befürchtet, dem Ansturm nicht gewachsen zu sein. „Man kann die Menschen doch nicht auf die Straße schicken. Wenn man etwas bewegen will, muss man sie auch tagsüber erreichen können“, kritisiert Vereins-Geschäftsführer Ulrich Hermannes das ansonsten vorbildliche Notprogramm.
Rund 660 Aufenthaltsmöglichkeiten bestehen in den neun Tagestreffs im Stadtgebiet. „Sie sind aber nicht durchgehend und gleichzeitig geöffnet“, so Hermannes. Die Bezirksversammlung Hamburg-Mitte hat Mitte Oktober die Sozialbehörde gebeten, weitere Tagesaufenthalte zu schaffen. Bislang ohne ein Ergebnis. Michael Klahn, Leiter des Amtes für Soziales in der Sozialbehörde: „Wir werden die einzelnen Öffnungszeiten ermitteln und noch in dieser Woche mit den Trägern Gespräche führen, um das Tagesaufenthaltsangebot zu erweitern.“ Wie, ob ehrenamtlich oder durch mehr Personal, das ist offen. Auch bei den Notunterkünften will die Behörde nachbessern, wenn die 890 Plätze nicht ausreichen sollten. „Keiner muss auf der Straße übernachten“, verspricht Klahn. Insgesamt gehen die Verbände von etwa 2.000 Odachlosen in Hamburg aus.
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