Kunst als Therapie

Anzeige
Ghusoun Alhussein aus Syrien hat eine Frau mit versperrtem Mund modelliert, ein Symbol für die Unter- drückung in ihrem Land Foto: Schmidt
 
Farbenfrohe Mandalas sind Kraftsymbole und stehen für Ordnung und Struktur – etwas, das viele Geflüchtete verloren haben Foto: Schmidt

„ort_m“: Ein Projekt für Migranten in Hamm. Ausstellung am Wochenende

Von Sonja Schmidt
Hamm Es entspringt der Liebe zur Kunst und ist eine Herzensangelegenheit, was die Hamburger Künstlerin und Kuratorin mit dem Pseudonym „HMJokinen“ mit einem Team in der Süderstraße 112 auf die Beine gestellt hat. Seit September bietet das Projekt „ort_m“ (migration memory) geflüchteten Menschen die Chance, kostenlos in einem offenen Atelier kreativ zu werden. Begleitet von ehrenamtlichen Kunstschaffenden und Kunsttherapeuten tauschen sich Migranten aus Ghana, Syrien, dem Iran oder Afghanistan über ihre Erfahrungen aus, malen oder mdellieren mit Ton, was sie bewegt. Die Workshops heißen „Screening Memory“ oder „Free your Soul“ und können noch bis Ende Dezember jeden Sonnabend von 13 bis 19 Uhr besucht werden. Finanziert wurde das Kunstprojekt von der Hamburger Kulturbehörde.
Ins Gespräch kommen
Viele Workshop-Teilnehmer kommen aus umliegenden Containersiedlungen. „Dort haben sie meist weder Farbe
noch Papier, geschweige denn einen Raum um ihre Kunst auszustellen“, erklärt HMJokinen.
Der Kunstraum in der Süderstraße soll diese Lücke schließen. Neben der Malerei und dem Siebdruck, einem Angebot des ghanaischen in Hamburg lebenden Künstlers Joe Sam-Essandoh, entstehen hier viele Werke aus Ton. Das Arbeiten mit den Händen beruhigt, wenn auch der Schrecken von Krieg und Flucht nicht zu übersehen ist: Schreiende Gesichter und eine gefesselte Hand, die vergeblich nach einem Brötchen greift, darüber hängt das gezeichnete Bild einer Gruppe Menschen die auf einer Rasierklinge von Syrien nach Deutschland wandert. Es ist Kunst, die berührt. Und Kunst, die befreit. „Es geht uns in diesem Projekt auch darum, Menschen mit traumatischen Erfahrungen zu begleiten“, sagt die Hamburger Kunsttherapeutin Margret Weinbrecht. Sie hat sich initiativ für eine Mitarbeit in der Gruppe beworben. Kunst sei ein guter Weg um miteinander ins Gespräch zu kommen, sagt sie. Die Menschen könnten ihre Erlebnisse zum Beispiel in den Ton abgeben und die Geschichte erzählen, die sich hinter dem Dargestellten verbirgt. „Der unmittelbare non verbale Ausdruck hilft, die schmerzhaften Erfahrungen sichtbar zu machen und den therapeutischen Prozess in Gang zu setzen.“ Dabei geht es keineswegs nur schwermütig zu im Atelier. „ort_m“ ist auch ein Ort der Freude und Wärme – zumindest solange die Elektrik nicht wieder versagt und die Heizung streikt. „Die Räume sind günstig, aber alt“, sagt HMJokinen.
Auch der Dialog mit den Hamburger Bürgern hat Priorität. Deshalb veranstaltet die Künstlergruppe regelmäßig einen Tag der offenen Tür. Rund 250 Besucher waren schon zu Gast. HMJokinen: „Viele Hamburger kennen die sogenannte Flüchtlingskrise nur aus den Medien. Da gehen die individuellen Geschichten meist unter – und genau diese Geschichten machen wir durch Kunst erlebbar.“
Talente fördern
Während die einen noch nie ein Bild gemalt haben, sind die anderen Teilnehmer wahre Profis. So wie Ghusoun Alhuseein, eine syrische-Künstlerin mit viel Talent. Gern würde HMJokinen sie auch in Deutschland weiter fördern. Immerhin hat es schon mal mit einem Platz als Gasthörerin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW Hamburg) geklappt. Wie aber geht es weiter, wenn das Projekt „ort_m“ zum Jahresanfang ausläuft? „Es gibt bisher leider kaum Atelierräume, Ausstellungsmöglichkeiten und Künstlermaterial für geflüchtete Menschen, die professionell arbeiten wollen“, so die Kuratorin. Um das Projekt dennoch eine Weile am Leben zu erhalten, werden die „ort_m“-Kunstwerke vom 15. Januar bis 12. Februar 2016 in den Frappant e.V.-Galerieräumen der Viktoria-Kaserne in Hamburg-Altona ausgestellt, begleitet von Filmabenden und Vorträgen.
Tag der offenen Tür:
Sonntag, 13. Dez.,
13-19 Uhr. Adresse: Süderstr. 112. Infos: www.ort-m.de
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige