Mahnen an Zeit der Zwangsarbeit

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Hans-Jürgen Preuß, Christiane Langer, Claudia Senneberg und Ingeborg Stoller engagieren sich in der Geschichtswerkstatt Foto: Möller
 
Eine Stolperschwelle weist auf den ehemaligen Lagereingang hin Foto: Möller

Geschichtswerkstatt sucht Zeitzeugen und Hinweise über Arbeitslager Wiesenfeld in Glinde

Von Christa Möller
Glinde
Es ist ein Stück Glinder Stadt- und Industriegeschichte: Die Firma Krupp gründete hier 1935 die Kurbelwellenwerk GmbH, ihr Werk zur Herstellung von Kurbelwellen für Kriegsflugzeuge entstand auf einem Waldgrundstück südlich des Baumarktes an der Wilhelm-Bergner-Straße. Für den Standort sprach unter anderem die Nähe der Kreisbahnstrecke nach Trittau. Anfang 1936 erfolgte der Bau der Anschlussbahn zum Bahnhof Glinde. Und 1936 wurde dort mit dem Bau des Heereszeugamtes begonnen, das der Versorgung des X. Armeekorps diente. 1936/37 schließlich entstand die so genannte Krupp-Siedlung in Glinde mit 130 großen Grundstücken zur Selbstversorgung für die Arbeiterfamilien. Das habe dazu beigetragen, dass aus dem Dorf Glinde mit der Zeit eine kleine Stadt wurde, sagt Hans-Jürgen Preuß von der Geschichtswerkstatt Arbeitslager Wiesenfeld. Denn im Kurbelwellenwerk Hamburg, kurz KuHa, waren zeitweilig über 6.000 Mitarbeiter tätig – darunter 3.000 Zwangsarbeiter, die in den Holzbaracken des Lagers Wiesenfeld untergebracht waren. Die vier Teilnehmer der Glinder Geschichtswerkstatt haben schon viele Dokumente und Fotos über das Lager zusammengetragen. Die frühere Erzieherin Ingeborg Stoller, 64, engagiert sich ebenso wie Christiane Langer, 58, von Beruf Lehrerin, und die ehemalige Verlagskauffrau Claudia Senneberg, 60, sowie Hans-Jürgen Preuß, ehemals Pastor.
Dringend gesucht werden weitere Zeitzeugen sowie Hinweise, Fotos und Dokumente über das Arbeitslager Wiesenfeld. Alle offiziellen Dokumente sind zum Kriegsende offenbar vernichtet worden. Zufallsfunde helfen den vier Glindern, mehr zu erfahren. Dazu zählt die Entdeckung eines Holländers, der auf dem Speicher Fotos und Dokumente eines vor Jahrzehnten verstorbenen Familienmitgliedes fand, das im Lager Wiesenfeld gewesen ist – und der Familie nie davon erzählt hatte. Christiane Langer ist sicher, dass solche Schätze noch auf vielen Dachböden lagern. „Wir wollen das Thema einer breiten Öffentlichkeit bekannt machen“, erklärt sie. „Es geht um das Andenken der Menschen, die hier gelitten haben.“ Die Geschichtswerkstatt Zwangsarbeiterlager Wiesenfeld versucht seit drei Jahren, etwas mehr Licht in die dunkle Geschichte zu bringen und würde sich auch über weitere Mitstreiter freuen. Sie stehen mit Glindes Stadtarchivar Carsten Walczok und mit dem Heimat- und Bürgerverein sowie mit der Firma Krupp in Kontakt. Die Werksmaschinen und Materialvorräte wurden nach Kriegsende übrigens nach England transportiert. Einige Originalgebäude des Kurbelwellenwerks stehen allerdings noch heute, verschiedene Firmen haben sich auf dem Gelände angesiedelt.
Erste Belegungen im Arbeitslager gab es 1942. Später kamen Zwangsrekrutierte, darunter auch Frauen, und Kriegsgefangene dazu, von denen die Mehrheit, die so genannten Ostarbeiter, aus Russland stammte. Die Bedingungen waren schlecht. So sollen von einer Gruppe von 120 kriegsgefangenen Russen nach einem Jahr nur noch fünf übrig geblieben sein. Die anderen starben infolge von Krankheit, sind verhungert oder wurden ermordet. Ein ehemaliger Zwangsarbeiter aus Wiesenfeld, der noch im Herbst nach Kriegsende im Lager lebte, wurde Anfang November 1945 zwischen Glinde und Trittau bei Rausdorf erschossen. Seit 2001 erinnert ein Gedenkstein in Trittau auch an ihn. Und auch auf dem Öjendorfer Friedhof gibt es eine Gedenkstätte für Zwangsarbeiter.
Erst seit 2001 erinnert eine Bronzetafel im Bürgerhaus an die Opfer. Im Gebiet der Alten Wache befindet sich ein Denkmal zur Erinnerung an das Heereszeugamt und eine Stolperschwelle verweist seit 2014 an den Eingang des Lagers an der Straße Eichloh/ Holzkamp. Preuß: „Unser nächstes Ziel ist es, einen Gedenkstein in dem Gebiet zu errichten, wo die Baracken gestanden haben.“ Vor zwei Jahren war im Bürgerhaus in Glinde eine Ausstellung über das Kurbelwellenwerk zu sehen. Das Begleitheft, herausgegeben vom Stadtarchiv, ist noch erhältlich. Noch bis zum 3. April läuft im Museum der Arbeit in Hamburg die Ausstellung „Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg“.

Die Geschichtswerkstatt Glinde tagt einmal monatlich im Gemeindehaus der Sankt Johannes-Kirche am Willinghusener Weg 69. Nächster Termin: Dienstag, 8. März. Interessierte melden sich bei Hans-Jürgen Preuß, Mail: jhpreuss@web.de
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1 Kommentar
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Erik Dijkstra aus St. Georg | 07.03.2016 | 23:07  
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