Menschen, die Hamburg bewegten

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Die Grabstätte von Amalie Sieveking in Hamm
 
Das Porträt von Amalie Sieveking in der Säulenhalle des Rathauses Fotos: Alabasta-Verlag

Gerd Otto-Rieke erinnert in seinem Buch „Gräber in Hamburg“ an berühmte Persönlichkeiten

Hamburg. Der November gilt als Monat der Trauer: Am 17. November wird in diesem Jahr der Volkstrauertag begangen, am 20. November ist Buß- und Bettag, am 24. November Totensonntag. Zeit, um innezuhalten und zu gedenken, zum Beispiel Menschen, die in der Stadt und darüberhinaus ihre Spuren hinterlassen haben. Im Buch „Gräber in Hamburg“ (Alabasta Verlag, 14.90 Euro) erinnert Autor Gerd Otto-Rieke, Hamburger mit Wohnsitz in München, beispielsweise an Johann W. Wichern, den Begründer des Rauhen Hauses, und Amalie Sieveking, die durch ihre Stiftung bis heute Gutes tut.

Johann Hinrich Wichern (1808-1881)

Missionare sollten den christlichen Glauben nicht nur auf fernen Kontinenten verbreiten, sondern die Evangelisation auch in deutschen Landen betreiben. Diese Auffassung vertrat der junge Theologe und Pädagoge Johann Hinrich Wichern, der als Oberlehrer einer Sonntagsschule mit der sozialen Not und der geistigen und sittlichen Verwahrlosung im Hamburger Stadtteil St. Georg täglich konfrontiert war. Von den Waisenanstalten August Hermann Franckes in Halle inspiriert, gründete er 1833 im Hamburger Vorort Horn eine „Anstalt zur Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder“, „Rauhes Haus“ genannt. Das Gebäude war ein Geschenk des Juristen und Politikers Karl Sieveking. Durch eine familiäre Atmosphäre sollte in dem Modellprojekt ein Klima des Vertrauens geschaffen werden. Die Erziehung beschränkte sich nicht nur auf den schulischen Unterricht, wichtig war auch das religiöse Leben, die Arbeitswelt, die Förderung musischer Neigungen und die Entwicklung sozialen Verhaltens. Im „Rauhen Haus“ entstand 1839 der Adventskranz-Brauch. Bis 1855 wurden in Deutschland über 100 ähnliche „Rettungshäuser“ eingerichtet.
Auf dem ersten evangelischen Kirchentag im Revolutionsjahr 1848 in Wittenberg konstituierte sich auf Wicherns Initiative der „Central-Ausschuss für Innere Mission“, die Vorläuferorganisation des heutigen Diakonischen Werkes. Im selben Jahr gründete Wichern in Hamburg die erste deutsche Stadtmission. 1851 wurde er Beauftragter der preußischen Regierung für die Reform des Gefängniswesens, sechs Jahre später Direktor des Mustergefängnisses Berlin Moabit. In den preußischen Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71 organisierte er die diakonische Arbeit unter den Soldaten.

Amalie Sieveking (1794-1859)

Soviel Selbständigkeit wie möglich, soviel Hilfe wie nötig. So lautet das Motto der Amalie Sieveking-Stiftung in Hamburg, die älteren Menschen einen lebenswerten und bezahlbaren Platz im Herzen der Stadt bietet. Hervorgegangen ist die Einrichtung aus dem 1832 von der Namensgeberin gegründeten „Weiblichen Verein für Armen- und Krankenpflege“. Er wurde zum Vorbild für andere deutsche Frauenvereine und Einrichtungen der Krankenpflege. So gilt Amalie Sieveking als Wegbereiterin vieler Sozialreformen und der organisierten Diakonie in Deutschland sowie als Pionierin der Emanzipation: Frauen kam bei der weiblichen Diakonie die Leitungsfunktion zu, Männer duften allenfalls beraten.
Die Tochter des Senators Hinrich Christian Sieveking wurde als 15-Jährige zur Waise. Eine neue Heimat fand sie bei einer Verwandten von Friedrich Gottlieb Klopstock und unterrichtete dessen Neffen. 1816 gründete sie mit elf weiteren Frauen eine kleine Freischule für arme Mädchen, die bis 1858 existierte. Großen Eindruck machte ein Besuch bei der Herrnhuter Brüdergemeinde in Gnadau bei Magdeburg auf sie. Als 1830 die Cholera ausbrach, stellte sie sich als Krankenpflegerin in Armenhäusern zur Verfügung. Hier wurde sie mit Elend und Not konfrontiert, mit rachitischen Kindern, mit überforderten Müttern. Ihnen bot sie zusammen mit 13 Mitstreiterinnen Hilfe zur Selbsthilfe an und betrieb das, was man heute Sozialarbeit nennt. 1837 konnte mit dem Bau von Armenwohnungen begonnen werden. 1840 wurde in St. Georg das Amalienstift mit neun Wohnungen eingeweiht, dem ein Krankensaal für Kleinkinder angegliedert war. In rascher Folge kamen weitere Wohnstifte hinzu.
Amalie Sievekings Fundament war der christliche Glaube. Johann Hinrich Wichern zahlte sie ein Stipendium für seine Theologieausbildung. (wb)
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