Neuer „Hamburger Pflege-Ratgeber“

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Zuwendung und medizinische Versorgung – beides ist für Pflegebedürftige wichtig Symbolfoto: thinkstock
 
Buch-Autor Peter Wenig ist verheiratet und Vater zweier Kinder Foto: Michael Rauhe

Neben wertvollen Tipps zur Pflege gibt es umfangreiche Infos über Kosten und Qualität

Von Silvia Stammer
Hamburg
Alle 3,2 Sekunden erkrankt weltweit ein Mensch an Demenz. Die wachsende Zahl von Hochbetagten und pflegebedürftigen Menschen führt bei immer mehr Angehörigen zu Erschöpfung. Ein neues Buch, „Der große Hamburger Pflege-Ratgeber“, beschäftigt sich mit Facetten und Entwicklungen rund um das Gesellschafts-Thema Pflege. Peter Wenig, Autor des Hamburger Abendblattes (das wie das Wochenblatt in der Funke Mediengruppe erscheint), geht darin auf die Pflegereform 2017 ein, auf den Einsatz von osteuropäischen Pflegekräften oder Qualität und Kosten von Hamburger Pflegeheimen. Das Wochenblatt sprach mit ihm.

Wochenblatt: Was gab den Anstoß zu diesem Buch und wie lange haben Sie recherchiert?
Peter Wenig: Ich habe rund fünf Monate daran gearbeitet. Die Idee zu diesem Ratgeber kam in Gesprächen mit meiner Frau, die als Pflegeberaterin arbeitet. Ich habe dabei festgestellt, wie groß die Unwissenheit über die Leistungen der Pflegeversicherung ist. Wenn Menschen ein Auto kaufen, informieren sie sich meist genau. Wenn jemand hingegen sein Haus barrierefrei umbauen möchte, um einen pflegebedürftigen Angehörigen aufzunehmen, weiß er nicht unbedingt, dass er Zuschüsse von der Pflegeversicherung und der Hamburgischen Investitions- und Förderbank bekommen kann.

WB: Sie haben mit Betroffenen und Experten gesprochen. Welche Begegnung hat Sie besonders berührt?
Wenig: Am berührendsten fand ich das Gespräch mit einer Frau, die ihren Mann pflegt. Sie schilderte mir, dass sie seit Jahren keine Nacht mehr durchschlafen kann, weil ihr Mann meint, er müsse pro Nacht bis zu acht Mal zur Toilette. Sie ist so erschöpft, dass sie jetzt selbst in stationärer Behandlung ist. Es war mir wichtig, in dem Buch pflegenden Angehörigen Hilfestellung zu geben, wie sie ihre Situation verbessern können.

WB: Was hat Sie bei Ihren Recherchen überrascht?
Wenig: Wie viele Beratungsangebote es gibt und wie wenig sie angenommen werden. Es gibt in jedem Hamburger Bezirk eine kostenlose Pflegeberatung, deren Mitarbeiter auch nach Hause kommen und beispielsweise beim Ausfüllen von Anträgen helfen. Viele Pflegende sehen sich immer noch als Einzelkämpfer. Dabei gibt es auch hervorragende Angehörigengruppen, wo man kostenlos Rat und Trost findet.

WB: Was kann jeder Einzelne frühzeitig tun?
Wenig: Man sollte sich unbedingt beizeiten um seine Dokumente kümmern, vor allem um eine Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht. Die hat nur jeder vierte Deutsche. Viele denken, dass automatisch die Kinder oder der Ehepartner sich etwa um die finanziellen Dinge kümmern können, wenn man es selbst nicht mehr kann. Das ist falsch – und kann zum Beispiel dazu führen, dass bei plötzlicher Pflegebedürftigkeit das Elternhaus nur unter großen Schwierigkeiten verkauft werden kann, um die Kosten eines Heimes zu finanzieren. Geht es um Immobilien, brauchen Sie eine notarielle Vollmacht. Ansonsten kann man die Vollmacht selbst verfassen, auch handschriftlich.

WB: Oft geht Pflegebedürftigkeit ein längerer Krankenaufenthalt voraus. Was sollten Angehörige bei der Klinikwahl beachten?
Wenig: Erkundigen Sie sich vorab, wie gut das Krankenhaus auf hochbetagte Patienten eingestellt ist. Dies gilt besonders dann, wenn der Angehörige bereits erste Zeichen einer Demenz hat. Es gibt Kliniken, die eigens für diesen Personenkreis Stationen geschaffen haben.

WB: Kürzlich wurde ein Pflegeheim in Langenhorn wegen sehr schlechter Versorgung der Bewohner geschlossen. Wie ist die Situation der Heime in Hamburg zu bewerten?
Wenig: Grundsätzlich profitieren Angehörige, die ein Pflegeheim suchen, von den Auswahlmöglichkeiten einer Großstadt. Zehn Prozent der Pflegeheimplätze in Hamburg sind nicht belegt, es gibt durchaus Konkurrenzdruck. Daher gibt es in der Region sehr wohl gute Heime, allerdings nach wie vor auch Einrichtungen, die nicht zu empfehlen sind.

WB: Wie finde ich eine gute Pflegeeinrichtung?
Wenig: Die Pflegenoten können Sie getrost vergessen. Bei diesem sogenannten Pflege-TÜV können schwerwiegende Mängel etwa in der Medikamentenversorgung der Bewohner durch eine besonders gut lesbare Speisekarte ausgeglichen werden. Völlig absurd. Wissenschaftler entwickeln gerade für die Bundesregierung ein neues System der Begutachtung. Ich bin da allerdings skeptisch, zumal die Pflegequalität auch von Station zu Station differieren kann. Achten Sie lieber auf Kleinigkeiten. Sind die Pflegebedürftigen bei gutem Wetter an der frischen Luft? Stehen frische Blumen auf den Tischen? Der Pflegekritiker Claus Fussek empfiehlt, sich bei Bestattern und Notärzten umzuhören. Klingt zynisch, aber die kriegen auch mit, was hinter den Kulissen läuft. Leider gibt es auch in Hamburg immer noch viele Doppelzimmer in Pflegeheimen. Ich halte es für unzumutbar, dass ein Mensch im Alter noch auf engstem Raum mit einer ihm völlig fremden Person zusammen leben soll

WB: Der wichtigste Grund, den Pflegeratgeber zu kaufen?
Wenig: Dieses Buch ist eine Art Werkzeugkasten für jeden, der fürchtet, in absehbarer Zeit selbst pflegebedürftig zu werden, aber auch für erwachsene Kinder, die spüren, dass Mama oder Papa bald Hilfe braucht. Die Botschaft ist: Lassen Sie sich nie entmutigen! Und es ist ein Appell, Kinder zu bekommen. Über dem Schreibtisch von Pflegekritiker Fussek hängt ein Zettel: „Sei lieb zu deinen Kindern, denn sie suchen dein Pflegeheim aus.“

Im Hamburger Abendblatt startet am 3. September die große Serie zum Buch (13 Folgen bis 17. September)

Info:
„Der große Hamburger Pflegeratgeber“ von Peter Wenig, 320 Seiten, 19,95 Euro. Erhältlich in der Abendblatt-Geschäftsstelle (Großer Burstah 18 - 32) und im Buchhandel, zu bestellen unter www.abendblatt.de/shop oder per Telefon 040/33 36 69 99 (Preis zzgl. Versandkosten)
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1 Kommentar
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Thomas Bartel aus Rotherbaum | 30.08.2016 | 13:15  
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