Neues Zuhause für Flüchtlinge

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Bezirksamtsleiter Andy Grote warb für ein vernünftiges Gesamtkonzept in Billstedt Foto: Luckey
 
So könnte die neue Siedlung am Haferblöcken aussehen Grafik: Bezirks-amt Mitte

Bezirksamt stellt Planungen für Haferblöcken vor mehr als 500 Bürgern vor

Billstedt Ein neues Zuhause für Flüchtlinge mit der Chance einer wirklichen Integration und einer positiven Entwicklung des Stadtteils – wie geht das zusammen? In einer Testplanung stellte Michael Mathe, Leiter der Stadtentwicklungsabteilung des Bezirksamt Hamburg Mitte, mehr als 500 Billstedtern im Kurt-Körber-Gymnasium erstmals vor, was unter einer „stabilen und zukunftsfähigen Quartiersentwicklung am Öjendorfer See“ zu verstehen ist.
Nach dem Testentwurf passen auf das rund acht Hektar große Areal am Haferblöcken rund 550 Wohneinheiten, darunter 250 Wohnungen für Flüchtlinge. Am nördlichen Rand sind zur Abschirmung vom Autobahnlärm bis zu viergeschossige Bauten denkbar, im Lärmschatten davon eine Mischung aus Reihenhäusern, Eigenheimen und niedrigem Geschosswohnungsbau – eingebettet in den alten Baumbestand.
Die Knicks bleiben als Wanderwege, die zum See und den Biotopflächen am Schleemer Bach führen, erhalten, darauf hatten besonders die Bündnisgrünen bestanden. Die Gebäude sollten offen zum See hin ausgerichtet werden, die Verkehrserschließung bügelartig und flächensparend erfolgen. Als gemeinsames Angebot für die Familien der Eigenheimsiedlung am Hans-Rubbert-Weg und den neuen Bewohnern ist ein 3000 Quadratmeter großer Spielplatz direkt am Wanderweg zum See angedacht, ein Jugendhaus und Bolzplatz am nördlichen Ende des Haferblöcken.
Nur grob strukturiert dagegen wurden die 22 Hektar großen abgelegenen Ackerflächen am Haßloredder an der östlichen Seeseite – ohne Berechnung von Wohnungszahlen. Auch hier soll der vorhandene Baumbestand erhalten bleiben und zur Lärm-Abschirmung vom Autobahnkreuz A1 und A 24 ein breiter Grünzug angelegt werden. Offen blieb auch die Frage, ob in der „Gartenstadt Öjendorf“, die parallel zu den beiden neuen Wohnsiedlungen in einem normalen Bebauungsplanverfahren entwickelt wird, wie im Antrag der SPD-Fraktion gefordert, ebenfalls Flüchtlingswohnungen gebaut werden sollen.

Mit Augenmaß


Eineinhalb Stunden warben Bezirksamtsleiter Andy Grote, Mathias Kock, Staatsrat der Stadtentwicklungs- und Baubehörde dafür, das Projekt der „Willkommensstadt“ für Flüchtlinge auch als Chance für Billstedt zu begreifen: „Wir werden die Belegung der Wohnungen mit Augenmaß betreiben“, versprach Kock. Nach 15 Jahren würden diese in den freien Wohnungsmarkt überführt. Mit den ersten bezugsreifen Wohnungen werde die Unterkunft Mattkamp mit 400 Flüchtlingen geschlossen.
Er verwies auf die Verbesserung der gesamten Infrastruktur: Vom Straßennetz über Ärzteversorgung, Nahversorgung, Kita-Plätzen. Mehrsprachige Schulen sollen die soziale Integration erleichtern, Ausbildungsstätten in Kooperation mit Handwerks- und Handelskammer vor Ort die Integration in den Arbeitsmarkt. Baudezernent Bodo Hafke erläuterte die Planungsschritte des Schnellverfahrens: In zwei Teams sollen ab Januar Bezirksamt, Politik, Anwohner-Vertreter und Bauträger die Durchmischung, Raumplanung, Gebäudetypen und Verkehrsführung entwerfen. Gebaut werden im beschleunigten Verfahren zunächst nur die Flüchtlingswohnungen. Die Gesamt-Entwicklung der Siedlung erfolgt dann in einem regulären Bebauungsplanverfahren. „Wenn Sie mit uns sprechen, müssen Sie nicht klagen. Planen Sie lieber mit“, appellierte Staatsrat Kock an die Billstedter – und erntete Protest.
Aufgebrachte Stimmung herrschte im Saal, die Bill-stedter fühlten sich überrannt und machten aus ihrem Unmut keinen Hehl: „Wie wollen Sie Flüchtlinge integrieren, wenn 90 Prozent der Billstedter dagegen sind?“„Warum werden nicht die verteilt gelegenen Optionsflächen aus dem Wohnungsbauprogramm genommen, sondern ausgerechnet das Landschaftsschutzgebiet am See?“ Vieles liege in Billstedt im Argen: Einkaufsmöglichkeiten seien beschränkt, der Ausbau von Kitaplätzen und die Ärzteversorgung anders als angekündigt zurückgeblieben. Und werde ihnen auch noch das Naherholungsgebiet am See genommen. Viele Billstedter sind skeptisch, überhaupt mitreden zu können. Das sei doch alles schon beschlossene Sache winkten viele ab.

Beschlossen


Nur einen Tag später hat eine große Mehrheit der Fraktion SPD, Bündnis90/Die Grünen, Die LINKE und Piratenpartei gegen die Stimmen von CDU und AfD das Programm beschlossen. Abgelehnt wurde ein Gegenantrag der CDU, von „Großunterbringungen“ an Haferblöcken und Haßloredder abzusehen zugunsten von verstreuten Standorten mit max. 75 Wohnungen für max. 250 Menschen sowie den Betreuungsschlüssel zu erhöhen: ein Betreuer für 30 Flüchtlinge (bislang für 80 Flüchtlinge). AfD-Fraktionschef Kay Gottschalk, der von katastrophalen Zuständen sprach und bezüglich der Flüchtlingsbetreuung der CDU beipflichtete, erntete ebenfalls harsche Kritik. Auf Nachfrage der SPD musste Gottschalk zugeben, dass er bislang weder eine Flüchtlingsunterkunft von innen gesehen noch jemals einen der Betreuer von „fördern & wohnen“ gesprochen hat. (luc)

Initiativen vernetzen sich:


In Billstedt ist die Anwohner-Initiative MITTEndrin inzwischen laut Aussage des Organisationsteams um Christian Münster und Stefan Metz auf mehr als 200 Engagierte angewachsen. Sie wollen sich mit den anderen Initiativen in Hamburg, die sich gegen Flüchtlingsunterkünfte vor ihrer Tür wenden, zusammenschließen. Rechtsanwalt Ulf Hellmann der Kanzlei Klemm und Partner , die die Kläger gegen den Flüchtlingsstandort an der Sophienterasse vertrat und nun per Gericht einen Baustopp für das geplante Flüchtlingsheim in Klein Borstel erwirkte, ist optimistisch, dass auch in Billstedt die Pläne gestoppt werden können. In Klein Borstel gingen am Wochenende aber erstmals auch 700 Menschen für eine Flüchtlingsunterkunft auf die Straße.
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1 Kommentar
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Christiane Störig aus Billstedt | 12.11.2015 | 10:18  
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