Siegen ohne zu kämpfen

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Kampfkünstler Gasem Spili (52) in Aktion Foto: wb

Erziehungswissenschaftler Ghasem Spili: sanfter Kämpfer gegen die Gewalt

Von Martin Jenssen
Billstedt
„Wann ist ein Mann ein Mann?“ Herbert Grönemeyer zählt dazu in seinem Lied zahlreiche Attribute auf. „Männer sind außen hart und innen ganz weich“, heißt es da unter anderem. Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Stadtteilen und Problemfamilien beantworten die Frage schneller und einfacher als
der Sänger. Kampfkunsttrainer Ghasem Spili erklärt: „Wenn ich die Kinder frage, was einen Mann ausmacht, höre ich immer wieder: Ein Mann schlägt, gibt laute Befehle, raucht, hat dicke Muckis.“
Ghasem Spili ist angetreten, um diese einseitigen Machovorstellungen aus den Köpfen der Jugendlichen zu vertreiben. Der gebürtige Iraner arbeitet seit vielen Jahren mit Jugendlichen, die Hilfe brauchen, weil sie sich in der Schule und in ihrem sozialen Umfeld nicht zurecht finden. Beim „Spili team e. V.“ in Billstedt lernen sie den respektvollen Umgang untereinander. Spili: „Die Jungen müssen lernen, in ihrem Umfeld nicht wie Elefanten aufzutreten, die in einem Porzellan-
laden alles zerschlagen.“
Die Kinder und Jugendlichen, die beim Spili team lernen, sich im Leben zu recht zu finden, werden vom Jugendamt vermittelt. „Die Arbeit mit den Jugendlichen ähnelt einer Schatzsuche“, sagt Ghasem Spili. „Wir suchen nach den verborgenen Fähigkeiten und den Sehnsüchten der jungen Menschen.Viele muslimische Mädchen und Frauen würden zum Beispiel gerne Schwimmen lernen. In Gesprächen mit ihren Familien versuchen wir, das zu vermitteln und zu ermöglichen.“ Nicht jedes Kind ist begeistert, wenn es zum „Spili team“ vermittelt wird. Vor allem Jungs wollen sich häufig nicht einer Gruppe unterordnen. „Du hast mir überhaupt nichts zu sagen“, ist einer der gängigen Sätze, die die Trainer, Pädagogen und Psychologen des Teams zu hören bekommen. Die Verstocktheit verschwindet meist, wenn die Jugendlichen in der Sportgruppe erfolgreich mitmachen.

Kampfkunst nicht Kampfspor

t

Vor Ghasem Spili haben die Jugendlichen hohen Respekt, obwohl er nicht das Bild vermittelt, wie sie sich einen „Mann“ vorstellen. Der Trainer spricht leise mit ihnen, aber er findet immer deutliche Worte. Kampfkünstler Spili hat im Laufe der Jahre acht schwarze Gürtel in verschiedenen Kampfkunstarten erworben. Bei der Vermittlung dieser „Kunst“ an Jugendliche ist die Einhaltung der gängigen Regeln wichtig. Jeder Junge, der an die Matte tritt, um sich am Sport einer Kampfkunst-art zu beteiligen, muss sich zunächst verbeugen, um damit den anderen Teilnehmern Achtung zu erweisen. Gleiches gilt, wenn die Sportlerin oder der Sportler die Matte verlässt. „Durch solche Grundregeln helfen wir den jungen Menschen, den Weg ins Leben zu finden. Im Berufsleben haben sie so später wesentlich bessere Chancen.“
Manchmal scheint jedoch jede Hilfe vergebens. Eine Junge afghanischer Herkunft, der zum „Spili team“ geschickt wurde, erklärte auf die Frage nach seinem späteren Berufswunsch: „Ich will Zuhälter werden. Das ist bequem und ich muss nicht viel arbeiten.“ Nachdem er mehrere Wochen an dem Gruppentraining teilgenommen hatte, schraubte er den Berufswunsch herunter, wollte nur noch „Türsteher“ werden.
Zwei Jahre später traf Ghasem Spili den ehemaligen Kampfkunst-Schüler auf der Straße wieder. Der junge Mann erklärte ihm: „Ich habe eine Lehre zum Klempner begonnen, das darf keiner meiner ehemaligen Freunde erfahren. Aber die Arbeit macht mir großen Spaß!“ Spili freut sich: „Der Junge ist doch noch auf den richtigen Weg gekommen!“
Dass das, was er vermittelt, „Kampfkunst“ und nicht „Kampfsport“ heißt, darauf legt Ghasem Spili großen wert. „Kampfkunst ist eine Lebensphilosophie“, erklärt er. „Es geht nicht ums Gewinnen und oder Verlieren. Auch Verlierer sind Gewinner, denn sie haben an Erfahrung gewonnen. Wir Trainer sind wie Gärtner in einem Gewächshaus. Statt Pflanzen schützen und pflegen wir Kinder.“
Ziel ist es, dass sich die Jugendlichen, die ein Jahr in der Kampfkunst ausgebildet wurden, verteidigen können und sich selbst im Griff haben. Kampfkunstarten wie Judo (der sanfte Weg), Karate (der Weg der leeren Hände) oder Aikido (der Weg der Liebe und Harmonie) wollen Frieden stiften. „Der beste Kampf ist der, der nicht zustande kommt“, sagt Spili.

Gewaltprävention


Der Trainer für Kampfkunst wurde 1962 in Lahijan im Iran geboren. Er kam 1986 nach Deutschland, studierte in Hamburg Sport- und Erziehungswissenschaften und danach begann er gleich mit der Sozialarbeit. Er ist nicht nur im „Spili team“, Billstedter Hauptstraße 69, engagiert. Spili ist in vielen Organisationen tätig, die sich für Gewaltprävention einsetzen. Eine wichtige Aufgabe ist für ihn auch die Mitarbeit im Taisi e.V., ein Verein, der u. a. in Frauenhäusern arbeitet, sich für traumatisierte Jungen einsetzt, die mit ihren Müttern dort Schutz gesucht haben.

Weitere Informationen: www.spili-team.de
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1 Kommentar
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Elke Noack aus Rahlstedt | 21.02.2015 | 10:09  
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