Take it easy, altes Haus!

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Blick von der Martinskirche im Jahr 1905 Foto: Archiv der Martinskirche
 
Dieselbe Perspektive aus dem Jahr 2014 Foto: Gerd von Borstel

„Schloss“ an der Pagenfelder Straße erinnert mit originalgetreuer Restaurierung an Jugendstilzeit. Teil 9 der Serie

Von Gerd von Borstel
Horn
In der heutigen Folge dieser Serie in Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Horn blicken wir vom Kirchturm der Martinskirche in Richtung Osten. 1905 war das problemlos aus den damals offenen Schallöffnungen der Turmspitze möglich. 2014 bot das Gerüst während der Fassadensanierung die Gelegenheit für ein Vergleichsfoto.
Damals wie heute prägt das Haus Nummer 20 in der Pagenfelder Straße das Bild. Vor 111 Jahren hatte das Horner Bauunternehmen „Konrad Claus Feck & Söhne“ das Ensemble zusammen mit den Häusern Boberger Straße 2 und 4 (letzteres im Krieg zerstört) im Jugendstil errichten lassen. Die Spitzdächer wurden im Krieg Opfer der Brandbomben und durch ein Stockwerk mit Flachdach ersetzt. 1906 verlegte das Unternehmen seinen Sitz von Haus Nr. 18a ins Erdgeschoss des neuerbauten Mehrfamilienhauses nebenan. Ein großes „F“ (für „Feck“) ziert noch heute den Giebel der Nr. 20.

Für Gutsituierte


Für damalige Verhältnisse war das schlossartig anmutende Gebäude luxuriös ausgestattet: Der Hausflur war mit Villeroy & Boch-Kacheln ausgelegt, die Wohnungen mit ca. 90 Quadratmeter großzügig angelegt. Wohn- und Esszimmer waren – wie damals üblich – durch eine große zweiteilige Schiebetür verbunden. WC und Bad befanden sich in getrennten Räumen. Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer waren mit Öfen beheizbar. Gaslicht beleuchtete die Zimmer. Die Wohnungen konnten sich seinerzeit nur „Gutsituierte“ leisten. So zogen zum Beispiel in den ersten oder zweiten Stock die Kapitäne A. Wilson und F. Heuer ein, weitere Bewohner waren die Kaufleute Adolf Abbe und E. Grass. Prominentester Mieter war übrigens in den 1990er Jahren der Schauspieler Lutz Herkenrath (bekannt als Filialleiter in der Serie „Ritas Welt“).
Das Haus lag 1904 wahrlich „hervorragend“. Aus den oberen Stockwerken konnte man in alle Richtungen bis zum Horizont blicken. Nach Osten lag direkt hinter dem Haus die noch unbebaute Fläche der späteren Steinfurther Straße (heute: Nedderndorfer Weg), deren Häuser auf westlicher Seite erst zwischen 1907 und 1908 erbaut wurden. Die Lehmberge waren ein beliebter Spielplatz. Das sich anschließende Flurstück reichte bis nach Schiffbeck und war die einstige Pferdeweide des Dorfes, von den Bauern im 18. und 19. Jahrhundert „Pagenfeld“ genannt (plattdeutsch: Page = Wallach/Pferd, siehe auch Elbinsel „Pagensand“). Das Haus rechts im Hintergrund an der Horner Landstraße Nr. 304 war ebenfalls 1905 bezogen worden. Der Feldweg links oben führte zur 1890 abgebauten Windmühle und endete am Ende der Horner Landstraße. Die heutige Weddestraße entspricht in etwa dem damaligen Verlauf des Weges. Die Häuser am Horizont liegen an der „Hamburger Grenze“ (heute: Legienstraße) – dort waren Horn und Hamburg zu Ende.
Tauchen wir noch einmal ab in die 111-jährige Geschichte des kleinen „Schlosses“: 1937 wurden beide Erdgeschoss-Wohnungen zu Geschäften umgebaut. Im Eckladen eröffnete Roland Haase eine Drogerie, und rechts im Haus gab es ab 1938 den Friseurladen von Frau Benthien.
Im Gegensatz zu allen anderen Gebäuden verschonte der Zweite Weltkrieg das schmucke Eckhaus und die Läden. In den 1960er Jahren vergrößerte Haase seine Drogerie durch einen Vorbau, der funktionell, aber nicht hübsch war. Während der Friseursalon bereits Anfang der 70er Jahre wieder zu einer Wohnung zurückgebaut wurde, bestand das Eckgeschäft noch lange Zeit. 2011 ließ der neue Hausbesitzer den Vorbau entfernen und den Laden ebenfalls wieder zu einer Wohnung zurückzubauen. Die Gestaltung der Außenanlage wurde mit Hilfe einer alten Postkarte aus dem Stadtteilarchiv realisiert. Seitdem sieht das Haus wieder wie bei seiner Entstehung aus.
Im Januar 2009 stellte die Geschichtswerkstatt Horn den Antrag, das Ensemble unter Denkmalschutz zu stellen, da die Häuser Boberger Straße 2 und Pagenfelder Straße 20 die einzigen original erhaltenen Zeugen der Jugendstilepoche in Horn sind. Seit März 2013 haben nun beide Häuser das Prädikat „Denkmal“ und tragen stolz die Plakette.

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Weitere Infos zum Stadtteil Horn und seiner Historie gibt es online auf www.geschichtswerkstatt-horn.de
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