Tiere aussetzen ist eine Straftat

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Pflegerin Parthena Topouzoglou kümmert sich um Kater Jerry Foto: Timm
 
Pfleger Michel Witthöft mit Kaninchen Daisy Foto: Timm

Hochsaison an der Süderstraße: Tierheim hat zu den Ferien bis zu 30 Neuzugänge wöchentlich

Von Frank Berno Timm
Hamburg-Hammerbrook
Die beginnende Ferienzeit bedeutet Hochsaison für das Tierheim an der Süderstraße. Hier leben im Moment über 1.300 Tiere, die – von wenigen Ausnahmen abgesehen – möglichst bald neue Besitzer finden sollen. Heini ist ein hübscher Hund, auch wenn er gerade wütend kläfft. Mit seinen Vorderbeinen hat er sich an der Käfigwand aufgerichtet und schimpft. Als Tierpfleger Marcel Arndt ihn auf die Wiese führt, schaut er sich neugierig um – während seine Kollegen in den Käfigen ringsum kräftig weiterbellen. Die Geschichte des kleinen Hundes, der noch gar nicht lange hier ist, klingt noch relativ harmlos: Weil sein Halter es gesundheitlich nicht mehr schaffte, musste der Kleine kurzerhand an die Süderstraße umziehen, nun sucht Heini ein neues Zuhause. Andere Storys sind verrückter, manchmal auch dramatischer, und gerade jetzt, vor den Ferien, wird es wieder schlimm. Allein in der letzten Juniwoche waren es 29 Tiere, die ausgesetzt oder direkt abgegeben wurden. Im gesamten letzten Monat wurden in Hamburg 64 Tiere (ohne Wildtiere) sich selbst überlassen, sagt Tierschutzvereinssprecher Sven Fraaß. Dass die Zahlen von Jahr zu Jahr gleich bleiben, ist nur ein schwacher Trost: Denn im Laufe eines Jahres gehen sie dann wieder nach oben, und immer vor den Ferien. Die Schicksale ähneln sich, sie sind unsäglich, abstoßend: Katzenjunge würden in Kartons am Bushaltestellenmüll gefunden – auch in durchgeweichten Schachteln mitten im Müll. Es kommt auch vor, dass Tiere einfach vor den Eingang des Tierheims gestellt werden. Christa Sprätz im Hundevermittlunsgbüro erzählt, viele Finder, die Tiere abgeben, seien in Wirklichkeit die Besitzer. Sie fragt ihnen „Löcher in den Bauch“, um so viel wie möglich über die Vierbeiner herauszufinden. Hündin Nora wurde von einem Dänen auf Rügen gefunden und hier abgegeben, weil der Finder zufällig in Hamburg zu tun hatte, erzählt Sven Fraaß – ob die Geschichte so stimmt, weiß niemand. Es gibt noch mehr Zahlen: Im Moment beherbergt das Tierheim 1.305 Tiere – die meisten sind Katzen (238), gefolgt von Süßwasserfischen (220) und Hunden (126). Fische leben häufig hier, weil ihre Besitzer starben. Es gibt, sagt Sven Fraaß, Tiere, die nicht einmal eine Nacht im Freien überstehen würden: Meerschweinchen.

Lieblinge besser offiziell abgeben


Am liebsten ist den Tierheim-Mitarbeitern, wenn sich Tierbesitzer offiziell von ihren Lieblingen trennen – dann ist einfach mehr über sie bekannt und sie werden leichter vermittelbar. Fraaß stellt klar: Tiere aussetzen ist eine Straftat. Insgesamt betreut das Tierheim 10.000 Tiere im Jahr. Nur wenige bleiben Jahre. Fraaß kritisiert mit deutlichen Worten das „populistische“ Hamburger Hundegesetz: Es führe dazu, dass Tiere, die für gefährlich gehalten würden, faktisch unvermittelbar wären – gäbe es keine Partner-Tierheime außerhalb von Hamburg. Der Rundgang über das Heimgelände verstärkt den Eindruck, dass viele Tiere unter ihren Haltern leiden müssen. Pflegerin Parthena Topouzoglou zeigt den ungefähr 15 Jahre alten Jerry – eine Perserkatze, die mit einer schweren Beinverletzung ins Tierheim kam. Jerry war fachgerecht verbunden, aber die Bandage nicht erneuert worden. Hier, in der Tieraufnahme, gibt es eine komplett eingerichtete Tierarztpraxis, hier wird kastriert, operiert – und amputiert. In der Katzenpension zeigen weiße Zettel an den Käfigtüren an, dass die Tiere von Behörden beschlagnahmt wurden – es sind viele. Sie müssen, erklärt Sven Fraaß, weiter einzeln gehalten werden – es sei denn, sie kamen schon zu zweit. „Frei geschriebene“ Katzen haben einen orangenen Zettel an der Tür und können wieder vermittelt werden. Andere Tiere leben auf der Katzen-Mutter-Kind-Station: Dort wird ihnen vorgelesen, damit sie sich an den Klang der menschlichen Stimme gewöhnen können und zugänglicher werden. Im Pferdestall wohnen keine Rösser – sie kommen nur ganz selten ins Tierheim. Kaninchen mit Schnupfen kurieren ihre Krankheit aus, Entenküken wärmen sich an einer Lampe. Pflegerin Sabine Pfeiffer kümmert sich um kleine Säugetiere, sie versorgt auch einen Wurf von 16 Chinchillas, die ebenfalls ins Tierheim kamen. Wer setzt solche Tiere aus? An die 85 Mitarbeiter sind an der Süderstraße beschäftigt, es gibt einen Fahrdienst rund um die Uhr. Dass hier jemand seine Freizeit mit Hunden am Käfig für ein paar Streicheleinheiten extra verbringt, ist nicht ungewöhnlich. Ein kleiner Trost – mehr nicht.

Weitere Infos: Hamburger Tierschutzverein
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1 Kommentar
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Rainer Stelling aus St. Georg | 09.07.2016 | 10:05  
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