Was ist „typisch deutsch“?

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Die Austauschschüler der gemeinnützigen Austauschorganisation Youth For Understanding (YFU) und ihre Betreuerinnen in der Jugendherberge Horner Rennbahn Foto: Gehm
 
Lebkuchenherz, Würstchen, Gummibärchen und Schweinsteiger-Trikot: deutscher geht nicht Foto: Gehm

Austauschschüler aus 15 Nationen sprechen über ihre Erlebnisse bei uns

Von Dagmar Gehm
Billstedt/Horn
Für eine Woche kamen Austauschschüler aus der ganzen Welt nach Hamburg, um sich über ihre Erlebnisse in Deutschland auszutauschen und die Hansestadt kennenzulernen. Der gelbe Sack. Wofür muss er nicht alles herhalten, was die Befüllung anbelangt. Nun auch noch als Symbol. Inzwischen ist er in Deutschland so selbstverständlich wie Apfelschorle, Hausschuhe und Gummibärchen.
Nicht so für ausländische Gäste. Für sie sind die genannten Gegenstände einfach typisch deutsch. In einem Atemzug zu nennen mit Dirndl, Sandalen mit weißen Socken, WM-Trikot und Bierkrug. Nur der Klassiker als Klischess – die Kuckucksuhr – ist nicht vertreten.38 Austauschschüler aus 15 Ländern waren vor ihrem Besuch in Hamburg gebeten worden, etwas mitzubringen, das sie für unverwechselbar deutsch halten. Auf dem sogenannten „Mittelseminar“ der gemeinnützigen Austauschorganisation Youth for Understanding (YFU) in der Jugendherberge Horner Rennbahn wurden die Schätze ausgebreitet. Und so fand sich neben einer Flasche Curry Ketchup ein Dominospiel, eine Uhr als Symbol für Pünktlichkeit und Holzfiguren aus dem Erzgebirge.

Deutsche Spleens


Ihre Meinung über deutsche Spleens und Tugenden hatten sich die jungen Erwachsenen vorher bei ihren Gastfamilien quer durch die Bundesrepublik bilden können, bei denen sie bereits seit einem halben Jahr leben. Nach Hamburg kamen sie, um Erlebtes zu reflektieren, sich auszutauschen und, betreut von ehrenamtlichen Mitarbeitern, ein spannendes Programm in der Hansestadt zu erleben – inklusive Besuch der Elbphilharmonie und der Ballinstadt Auswandererwelt. Nachts ging es sogar auf die Reeperbahn, zumindest in die „Heiße Ecke“ im Schmidts Tivoli. Obwohl ihre Deutschkenntnisse höchst unterschiedlich sind, den Inhalt des Musicals haben sie alle verstanden.

Lucia aus Italien: „Hamburg ist wild!“


Über Hamburg sind sie unterschiedlicher Meinung. Fanyi aus Peking, die den gelben Sack mitgebracht hat, findet es sehr groß und kompliziert. Halberstadt, wo sie bei ihrer Gastfamilie wohnt, zur Schule, zum Gitarrenunterricht und in die Theatergruppe geht, gefällt ihr besser. Dagegen meint Lucia aus Italien, Hamburg sei eine sehr lebendige, „wilde“ Stadt mit einer coolen Atmosphäre. „Die Hamburger sind sehr nett, viele haben blonde Haare und blauen Augen, sehen also typisch deutsch aus.“

Seit 50 Jahren Jugendaustausch


Seit über 50 Jahren organisiert das YFU-Komitee langfristige, weltweite Jugendaustauschprogramme. Insgesamt mehr als 60.000 Jugendliche haben seit der Gründung 1957 daran teilgenommen, rund 560 kommen pro Jahr. Nicht alle bleiben bei der ursprünglichen Gastfamilie. „Ein Drittel wechselt aus verschiedenen Gründen“, erzählt Eva-Maria Jonas, die wie ihre Kollegin Anna-Christin Ballheimer, selber einmal Austauschschülerin in den USA war.
Beide gehören zu den zehn ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die sich während des einwöchigen Seminars in Hamburg um die angereisten Jugendlichen kümmern. „Manchmal sind die Erwartungen an die Gastfamilie zu hoch, manchmal stimmt einfach die Chemie nicht.“
Die meisten aber bleiben, staunen, lernen. Tauchen ein in eine völlig fremde Welt, erleben mitunter einen Kulturschock und sind mit einer Sprache konfrontiert, die viele von ihnen vorher nicht gelernt haben.

„Sehr verlässlich“


Wie der 16-jährige Isaac aus Mexiko, der mit fünf Gastgeschwistern gerade in einer Patchworkfamilie in Berlin-Pankow untergebracht ist. Inzwischen spricht er hervorragend deutsch, „weil ich es immer abgelehnt habe, mit anderen Austauschschülern spanisch zu sprechen“.
Am besten an den Deutschen gefällt Isaac ihre Verlässlichkeit, schwierig findet er es dagegen, Freunde zu finden. Auch Lucia aus Sardinien hatte vor der Ankunft Vorurteile. „Ich habe gedacht, dass die Deutschen introvertiert und distanziert sind“ gibt die hübsche 17-jährige offen zu. „Doch das stimmt nicht. Im Gegenteil. Sie sind richtig hilfsbereit. Nur dass sie megapünktlich sind, trifft nicht mehr zu“.

Küssen verboten?


Als typisch deutsch hat Lucia einen Stoffbeutel mitgebracht, den sie unbedingt mit nach Italien nehmen will: „Bei uns gehen alle mit Plastiktüten zum Einkaufen. Ein Stoffbeutel ist viel besser für die Umwelt“.
Isaac aus Mexiko hatte anfangs große Angst, etwas falsch zu machen. „In Lateinamerika begrüßen wir uns mit einem Kuss auf beide Wangen. Hier denken die Mädchen etwas Falsches, wenn man es tut. Bei uns halten die Männer den Frauen auch die Tür auf, tragen ihre schweren Taschen und zahlen in Restaurants und Kneipen. Hier nicht.“ Toll findet er dagegen, dass auf seiner Berliner Schule im Geschichts- und Deutschunterricht das Dritte Reich sehr offen aufgearbeitet wird.
Die deutsche Jugendsprache verinnerlicht hat inzwischen Benita aus Kapstadt. Sie findet alles „voll geil“ und „total cool“. Zusammen mit den anderen arbeitet sie im Team Erlebnisse und Eindrücke des Hamburg-Besuchs auf, ausgebreitet in Form von bunten Pappen: Theater, Boottrip, Ballinstadt, Reeperbahn. Stationen, die sie sich ins Gedächtnis rufen, über die sie diskutieren. Die sie erstmal mit in ihr „Zuhause auf Zeit“ nehmen nach Berlin, München und Halberstadt. Und später in die ganze Welt.
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