„Wirtschaftlichkeit kann doch nicht alles sein“

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Rund 150 Bürger kamen zur Podiumsdiskussion in Mümmelmannsberg. Sie wollen wissen, wie es soweit kommen konnte und wie es weiter geht Fotos: mt
 
Uwe Lauer, Geschäftsführer der Klinikgruppe Dr. Guth und Petra Strobel, Ärztin in der Praxisklinik auf dem Podium

150 Bürger bei Diskussion um geplante Schließung der Praxisklinik. Erhalt von Betten und OP-Bereich gefordert

Von Marco Thielcke
Mümmelmannsberg. Ein Stadtteil kämpft um seine Klinik. Bei einer Podiumsdiskussion des Bürgervereins „aktiv wohnen“ im Gemeindezentrum Mümmelmannsberg machten in der vergangenen Woche Anwohner ihren Ärger Luft.
Sie befürchten eine medizinische Unterversorgung im Stadtteil. Das WochenBlatt berichtete bereits über die Pläne des privaten Betreibers, Klinikgruppe Dr. Guth, die Bettenstation der Praxisklinik Mümmelmannsberg aus Kostengründen bis zum September 2014 zu schließen.
Elke Huster-Nowack von der Gesundheitsbehörde sagte: „Umliegende Krankenhäuser könnten die Patienten, bei einer Schliessung des somatischen Bereichs problemlos aufnehmen.“
Uwe Lauer, Geschäftsführer der Klinikgruppe die das Haus seit 1985 betreibt: „Im Schnitt sind sieben von 15 Betten besetzt. Das ist aber zu wenig. Für einen wirtschaftlichen Betrieb ist eine Auslastung von 85 Prozent nötig.“ 1990 gab es noch 3300 vollstationäre Fälle und 82 Betten in dem Ärztehaus. 2012 waren es nur noch 964 Fälle. Laut Gesundheitsbehörde hängt die Entwicklung mit der Einführung der Fallpauschalen zusammen, die Ärzten genau vorgibt wie viel sie für eine Behandlung abrechnen können. Außerdem belegen heute nur noch vier der 23 Ärzte die Bettenstation der Klinik.

Bezirksamtsleiter ist skeptisch

„Wirtschaftlichkeit kann doch nicht alles sein“, sagt Birgit Sokolowski von der Stadtteilinitiative „aktiv wohnen“. Sie will die Praxisklinik Mümmelmannsberg zum Thema in allen politischen Gremien machen. „Vom Regionalausschuss bis zur Bürgerschaft muss über die medizinische Versorgung in Mümmelmannsberg gesprochen werden.“ Bezirks-amtsleiter Andy Grote äußert sich jedoch skeptisch: „Da es eine private Klinik ist, die wirtschaftlich arbeiten muss, ist die Rettung des Bereichs eine erhebliche Herausforderung.“
Unter den rund 150 Besuchern der Podiumsdiskussion sitzen auch Ärzte der Klinik in Mümmelmannsberg. Sie teilen die Ängste der Anwohner. Gerd Fass ist Facharzt für allgemeine Chirurgie, er befürchtet einen Dominoeffekt: „Die Betten sind der erste Stein, der fällt. Wenn das passiert, haben wir ein echtes Problem.“ Fass denkt, dass nach der Streichung der Betten und des OP-Bereichs auch Fachärzte abwandern könnten.

Betreiber glaubt nicht an Abwanderung der Ärzte

Denise Kley, Pressesprecherin der Klinikgruppe Dr. Guth, sieht keinen Zusammenhang zwischen der Schließung des OP-Bereichs und der Abwanderung von Arztpraxen. „Viele Ärzte haben Praxen im Stadtteil und operieren an anderen Standorten. Auch für den Patienten macht es keinen großen Unterschied, ob er zu einer Operation nach Mümmelmannsberg oder nach Bergedorf fährt“, sagt Kley. Das Bethesda Krankenhaus in Bergedorf ist 8,5 Kilometer, Klinik Wandsbek 9,5 Kilometer und das Marienkrankenhaus 11 Kilometer entfernt.

Am 28. November im Sanierungsbeirat

Dass der OP-Bereich und die Bettenstation nicht ausgelastet sind, schreiben Anwohner und Ärzte zum Teil dem Missmanagement der Klinikgruppe zu. Der Vorwurf: Der Betreiber soll zu wenig in die Klinik investiert haben. „Wer bei uns eine Stunde im Wartezimmer sitzt, braucht wegen der alten Belüftungsanlage kein EKG mehr“, sagt Petra Strobel, Fachärztin für Innere Medizin. Strobel betreibt seit 17 Jahren eine Praxis in der Klinik und erzählt von harten Verhandlungen zwischen Ärzten und Klinikverwaltung um Modernisierungen. Die Klinikgruppe hält dagegen: „Den OP-Saal haben wir vor fünf Jahren modernisiert und auch die psychiatrische Tagesklinik ist auf dem neuesten Stand. Außerdem kümmern sich zwei Techniker um die Technik der Praxisklinik“, sagt Kley. Die Fronten sind verhärtet. Für Anwohner und Mediziner ist auch die Suche der Klinikgruppe Dr. Guth nach einem neuen Betreiber der OP-Station ein schwacher Trost. Zu den Gesprächen hält sich der Betreiber aber weiter bedeckt. Am Donnerstag, 28. November, tagt der Sanierungsbeirat Mümmelmannsberg (19 bis 21.30 Uhr im Konferenzraum der Ganztagsstadtteilschule Mümmelmannsberg, Mümmelmannsberg 75). Birgit Sokolowski will das Thema bei der Sitzung zur Sprache bringen.
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