Wohnquartier in Billstedt: Auf Müll gebaut

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Die Straßenverhältnisse in der Siedlung Kaltenbergen sind problematisch Foto: fbt
 
Politiker fordern seit langem, dass das Viertel Kaltenbergen saniert wird Foto: fbt

Die Siedlung „Kaltenbergen“ ist marode – jetzt müssen Gelder her

Von Frank Berno Timm
Billstedt
Wie ein Gespenst geistert das Stichwort „Kaltenbergen“ immer wieder durch die Gremien der Bezirksversammlung und der Bürgerschaft. Die Siedlung am Rande von Billstedt wurde auf sehr wackeligem Grund errichtet – das rächt sich jetzt am Straßenzustand. Der ist abenteuerlich, und das offensichtlich schon länger. Peter Herkenrath, der für die CDU im Regionalauschuss Billstedt sitzt, kennt das schon. Unterwegs mit dem Hamburger Wochenblatt durch die Siedlung Kaltenbergen muss er gar nicht lange darauf aufmerksam machen, dass hier Probleme existieren, die mit einfachen Reparaturen sicher nicht dauerhaft in den Griff zu kriegen sind. Dass am Eingang der Siedlung, die zugeparkt ist wie viele andere Hamburger Straßen auch, der Rinnstein vor sich hin verdreckt, ist da noch harmlos. Richtig problematisch ist der Umstand, dass der Straßenbelag auf Hunderte von Metern mit Rissen durchzogen ist. Die Siele, so Herkenrath, tragen offensichtlich noch – sie stehen oft höher als der Straßenrand. Regenwasser sammelt sich in unübersehbaren Pfützen und kann nicht abfließen, weil die Straßenränder viel tiefer liegen als die Mitte des Weges. Wer die Hintergründe Kaltenbergens nicht kennt, wird auch die vielen kleinen Löcher, die mit Teerflecken verschlossen sind, eher harmlos finden – dabei dürfte es sich in den meisten Fällen um erhebliche Versackungen handeln. Nicht nur die Straße Kaltenbergen, auch der Rantumer Weg sieht so aus, zusätzlich ist hier noch die Aufpflasterung in der Mitte, die zu hohe Geschwindigkeiten abmildern soll, beschädigt. Was ist die Ursache der Misere? In einer schriftlichen Anfrage, die Mehmet Yildiz für die Linke in der Hamburgischen Bürgerschaft gemeinsam mit
seiner Kollegin Heike Sudmann Ende März an den Senat gerichtet hatte, ist etwas über die Gründe zu lesen, warum es in Kaltenbergen so aussieht. Die Siedlung sei Mitte der 1970-er Jahre auf einem Areal errichtet worden, „welches vom Ursprung eine alte Kiesgrube war, welche man mit Abfällen der Flutkatastrophe von 1962 aufgefüllt hatte“. Dazu hätten auch Tierkadaver und andere organische Substanzen gehört. Sehr detaillierten Informationen der Geschichtswerkstatt Billstedt ist außerdem zu entnehmen, dass an der Stelle der heutigen Siedlung einmal ein Kalksandsteinwerk existierte. Nach dessen Aufgabe zog die Stadtreinigung ein und füllte die Gruben nicht nur mit Tierkadavern, sondern verdorbenen Lebensmitteln aus dem überschwemmten Hafen und Hausmüll. Die Bauarbeiten zur Errichtung der Siedlung gestalteten sich Jahre später äußerst kompliziert – von Rammarbeiten, austretenden Faulgasen und wieder herausgeholtem Müll ist die Rede. Yildiz verlangt, endlich wirkliche Kosten für eine durchgreifende Reparatur zu ermitteln. Es bringe nichts, alle zwei bis drei Jahre Asphalt auf die Straßen in der Siedlung zu gießen und damit das Problem nur zu verschieben. Das Bezirksamt habe von „Gefahr für Leib und Leben“ gesprochen, damit dürfe man die Leute nicht allein lassen. Und Yildiz, der sich vor einigen Wochen vor Ort selbst ein Bild gemacht hatte, wiederholt einen Vorschlag seiner Partei, der im Regionalausschuss abgeschmettert wurde: Man solle wenigstens das Parken von Lkw ab 3,5 Tonnen Gesamtgewicht untersagen. Nur der Widerstand der Menschen vor Ort werde dafür sorgen, dass sich der Senat bewegt – die zu erwartenden Kosten für eine durchgreifende Sanierung übersteigen auch nach seinen Worten die Möglichkeiten des Bezirks bei weitem. Auch Herkenrath bekräftigt, dass der Bezirk Mitte, der für diese Straßen zuständig ist, das Problem aus eigenen, finanziellen Mitteln nicht wird lösen können. „Die Rahmenzuweisung muss erhöht werden“, sagt der Abgeordnete, das Problem in Kaltenbergen sei ein „Millionending“, auch kurzfristige Reparaturen würden nicht helfen. Von der Polizei sind ähnliche Aussagen zu hören: Ralf Zimmermann von der Polizei sagt, er kenne die Zustände nicht anders als so, wie sie jetzt sind.

Dieses Jahr Baustart


Der Hamburger Senat hat den beiden Bürgerschaftsabgeordneten mitgeteilt, dass die Schäden in der Straße Kaltenbergen noch im Jahr 2016 beseitigt werden sollen. Sorina Weiland, Sprecherin im Bezirksamt Mitte, bestätigt die Angaben des Senats: Noch in diesem Jahr solle eine „großzügige Instandsetzung“ in Angriff genommen werden. Dafür würden zwischen 700.000 und eine Million Euro aufgewendet. Die Senatsantwort macht indirekt deutlich, wie durchgreifend das Kaltenbergen-Problem ist: In den vergangenen drei Jahren habe der Bezirk Mitte im gesamten Gebiet die zur Verfügung stehenden 330.00 Euro dafür eingesetzt, Schlaglöcher, Fahrbahnabsackungen, Unebenheiten auf Radwegen und Nebenflächen zu beseitigen.
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