Zwei-Klassen-Kantine in Hamburg

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Julia bekommt weiße Essensmarken, viele ihrer Freundinnen rote. Die Kantine unterscheidet mit diesem System gefördertes Essen und nichtgefördertes. Die Schüler unterscheiden in „Hartz-IV-Marken“ Fotos: mt

Gefördertes Essen in der Stadtteilschule-Mitte besonders gekennzeichnet

Von Marco Dittmer-Thielcke
Hamburg. Das System ist kinderleicht: Schüler, die ihr Schulessen bezahlen können, haben rote Marken. Kinder, deren Essen von der Stadt gefördert wird, weiße. In der Schulkantine der Stadtteilschule-Mitte bekommen Kinder und Jugendliche seit vier Jahren nur gegen Vorlage einer Essensmarke eine warme Mahlzeit. Während aber bei jedem Schüler die gleiche Portion auf dem Teller landet, haben die Marken zwei verschiedene Farben. „Die weißen nennen wir Hartz-IV-Marken“, sagt Julia (Name von der Redaktion geändert) aus der fünften Klasse. Die Zehnjährige ist erst seit ein paar Wochen auf der Schule am Lohmühlen-Park, wunderte sich aber schon am ersten Tag, warum ihre Freundinnen andere Marken bekommen.

Die Kinder bekommen unfreiwillig einen Stempel aufgedrückt.“ Renate Berlau

Julias Großmutter wirft der Schule vor, Diskriminierung und Hänseleien unter den Kindern erst zu ermöglichen. „Die Kinder bekommen unfreiwillig einen Stempel aufgedrückt“, sagt Renate Berlau. Auch der erste Elternabend half nicht. Obwohl noch andere Mütter das Zwei-Farben-System in der Schulkantine kritisierten, ging die Klassenlehrerin nicht weiter darauf ein.
Auch wenn Julia selbst sagt, dass sie wegen der Essensmarken nicht gehänselt wird, sind die Plastikchips auch außerhalb der Mensa Thema. Die Fünftklässlerin weiß genau, welche ihrer Mitschüler rote und wer weiße Marken in der Schultasche hat und auch auf dem Schulhof sprechen sich die Schüler auf die Marken an. „Wo soll das hinführen, wenn schon zehnjährige Kinder in solchen Schubladen denken“ sagt Renate Berlau. Die 66-jährige Rentnerin hat Angst, dass ihre Enkelin schon bald von ihren Mitschülern ausgegrenzt wird.
Seit 2011 ist das Schulessen für benachteiligte Kinder und Jugendliche in Hamburg kostenlos. Damals verabschiedeten Schulsenator Ties Rabe und Sozialsenator Detlef Scheele das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket für Hamburger Schüler. Die Umsetzung der Regelung ist laut Schulbehörde jeder Schule selbst überlassen. Julias Schwester Melina geht beispielsweise auf die Fritz-Koehne-Schule in Rothenburgsort. Dort werden die Fingerabdrücke der Schüler gescannt, so können die Betreiber der Kantine später unterscheiden, wie viele der Mahlzeiten von der Stadt gefördert werden. An vielen anderen Schulen gibt es Chipkarten (einfarbig).

Nach Anfrage System geändert

Die Schulbehörde nahm zu dem Zwei-Farben-System an der Schule Lohmühlen-Park trotz Wochenblatt-Anfrage keine Stellung. Die Behörde wies aber offenbar die Schule an, das zweifelhafte System abzuschaffen: Seit Freitag bekommen alle Kinder weiße Marken.
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1 Kommentar
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Michael Kahnt aus Barmbek | 07.10.2014 | 08:01  
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