Erwachsen und bildungshungrig

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Iris Fuchs, li., und Dr. Andrea Linde vom Projekt arbeitsplatzorientierte Grundbildung Fotos: Christa Möller
 
Uwe Boldt ist Botschafter des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung

Fachstelle vermittelt Lese- und Schreibkompetenz. Botschafter werben dafür

Von Christa Möller
Hamm. Seine Schulzeit hat Uwe Boldt nicht in allzu guter Erinnerung: Der 54-Jährige hatte zwar ein Faible für die Fächer Werken und Sport, alle weiteren lagen ihm allerdings weit weniger. „In meinen Zeugnissen stand immer ‚aus pädagogischen Gründen versetzt’“, erinnert er sich. Seine Schullaufbahn endet mit dem Abgangszeugnis, den Abschluss hat er nicht geschafft. Der Grund für das Desaster: Uwe Boldt kann nicht gut lesen und mit dem Schreiben
hapert es erst recht. Folglich hatte er Mühe, nach Schulende einen Ausbildungsplatz zu finden. „Ich habe dann im Hamburger Hafen als Jungbote gearbeitet, Papiere hin- und hergetragen.“ Eigentlich wollte er nur kurze Zeit bleiben, „aber ich bin immer noch da.“
Erst mit Ende Zwanzig überlegte er das erste Mal, etwas zu ändern, versuchte, in Eigenregie, regelmäßig Zeitung zu lesen. Doch die Schwierigkeiten mit dem Schreiben blieben. Ein Firmenwechsel brachte ihn in Zugzwang, bei seinem neuen Arbeitgeber musste er mehr am PC arbeiten. Schließlich meldete er sich bei der Volkshochschule an. Bis heute ist er dabei geblieben, „zweimal wöchentlich nach der Arbeit eineinhalb Stunden.“ Hier fand er endlich eine Lehrkraft, die ihn wirklich unterstützte. Die sechs Kursteilnehmer unterschiedlichen Alters und Geschlechts, alle berufstätig, haben alle einen anderen Stand, einige können besser lesen, andere besser schreiben. Uwe Boldt ist der Älteste. Die Kursleiterin war es auch, die die Weichen für sein ehrenamtliches Engagement zugunsten anderer Betroffener stellte. „Sie hat mich vor einigen Jahren zu einer Fachtagung mitgenommen“, erinnert sich Boldt, der 2012 vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung als Botschafter für Alphabetisierung ausgezeichnet wurde. Vor drei Jahren nahm er an einem Lerner-Austausch mit Menschen aus acht Nationen in Belgien teil und hält seither über Facebook Kontakt zu Teilnehmern aus Irland und Schottland. Inzwischen überlegt er sogar, einen Englisch-Kursus zu machen, um sich noch besser mit ihnen verständigen zu können.

Nähe zum Arbeitsplatz

„Da sieht man, wie bereichernd es ist, sich weiterzubilden“, stellt Dr. Andrea Linde von der Fachstelle Grund:Bildung und Wirtschaft der Stiftung Berufliche Bildung (SBB), Wendenstraße 493, in Hamburg fest. Die Stiftung unterstützt arbeitsplatzorientierte Grundbildung in Hamburger Betrieben, denen es so ermöglicht werden soll, den Fachkräftebedarf aus den eigenen Reihen zu decken. Laut einer Studie der Universität Hamburg haben etwa 7,5 Millionen Menschen unzureichende Kompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen, das sind über 14 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in Deutschland.
Uwe Boldt hatte Kollegen, die ihn im Notfall unterstützten. Doch das ist auf Dauer unbefriedigend. Erst spät wurde ihm klar, dass er vieles verpasst hat im Leben. Umso größer ist sein Ehrgeiz, jetzt erst recht möglichst viel zu lernen. Gerade hat er sich eine neue Digitalkamera gekauft, nun plant er, einen Fotokursus zu machen. Damit möglichst vielen Betroffenen geholfen werden kann, unterstützt er das Verbundprojekt „Offensive zur Implementierung und Verstetigung arbeitsplatznaher Grundbildung in Hamburger Unternehmen“ der SBB, der Universität Hamburg und des Weiterbildungsträgers KoALa. Denn Boldt kann den Mitarbeitern erläutern, was aus Lerner-Sicht zu beachten ist. Das Projekt, das im Herbst 2012 startete, wird für drei Jahre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.

Beispiel Gastronomie

Frank Drecoll, SBB, erläutert: „Unser Projekt bietet Beratung, Fortbildung und Schulung für Betriebe und deren Mitarbeiter zunächst exemplarisch in den Bereichen Garten- und Landschaftsbau und Hotel/Gaststätten an. Es werden Kurskonzepte entwickelt und erprobt.“ Möglich sind unter anderem die Förderung von Kernkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen, Lernstrategien, Training von Fachvokabular, die Kommunikation im Team und mit Kunden – alles im Kontext des Arbeitsalltags.
Das Leben von Uwe Boldt – eine Erfolgsgeschichte? Er sagt: „Man fragt sich, ,warum hast du das nicht schon früher gemacht‘.“
Weitere Informationen unter www.sbb-hamburg.de und für Betroffene beim Alpha-Team der Volkshochschule Billstedt an der Billstedter Hauptstraße 69a, Tel. 42886-7723, unter www.vhs-hamburg.de und www.alphabetisierung.de
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