Billstedt – ein gewaltiges Klischee

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Polizeidirektor Matthias Tresp (51) ist seit 1981 bei der Hamburger Polizei. Er leitet das Polizeikommissariat Billstedt (PK 42) Fotos: Timm

Interview mit Polizeidirektor Tresp über Schüsse, Statistiken und Verbrechen im Dunkeln

Von Frank Berno Timm
Billstedt
Wie kommt es – wie vor kurzer Zeit – zur Prügelei an einer Mümmelmannsberger Schule, die nur die Polizei beenden kann? Warum wird auf offener Straße mit einer Luftdruckwaffe gefeuert? Wie soll ich mich als Passant verhalten, wenn ich dazukomme? Das Hamburger Wochenblatt sprach darüber mit dem Leiter des Polizeireviers 42 in Billstedt, Polizeidirektor Matthias Tresp.

HAMBURGER WOCHENBLATT: Herr Tresp, derzeit kommt es scheinbar zu besonders hefti-gen Gewaltausbrüchen, auch über Billstedt hinaus. Haben Sie dafür eine Erklärung?
TRESP: Sie verwenden schon das richtige Wort: scheinbar. Wir als Polizei können nur mit Fakten argumentieren, also mit Straftaten, die uns auch angezeigt werden. Was die öffentliche Wahrnehmung betrifft, müssen wir feststellen, dass aus Sicht der Polizei Fälle miteinander in Zusammenhang gebracht werden, die nichts miteinander zu tun haben, weil völlig unterschiedliche Klientel beteiligt sind. Natürlich haben wir immer mal eine zufällige Häufung, aber die Strukturen, in denen wir arbeiten, ändern sich nicht.

HW: Auch nicht in Billstedt?
TRESP: Nein. Wir haben natürlich hier einen anderen Sozialraum als etwa in Blankenese. In anderen Stadtteilen gibt es eine andere Deliktstruktur:
Auf St. Pauli beispielsweise treffen sich viele Menschen, dort passieren
andere Dinge als hier. Es gibt eine öffentliche Wahrnehmung von Billstedt, die aber bei genauem Hinsehen nichts mit der Wirklichkeit, und schon gar nichts mit dem Klischee zu tun hat, dass Billstedt besonders gewalttätig wäre.

HW: Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich zufällig Zeuge eines gewalttätigen Vorfalls werde? Soll ich eingreifen?
TRESP: Grundsätzlich den Notruf wählen. Wir empfehlen nicht, dass Sie sich selbst in Gefahr bringen – ausdrücklich nicht. Aber wir erwarten als Polizei, dass Sie öffentlich machen, was Sie sehen. Es kann auch wichtig sein, länger am Telefon zu bleiben, um die kommenden Beamten zum Ort des Geschehens zu lotsen.

HW: Und wenn ich selbst angegriffen werde?
TRESP: Man muss immer sagen, dass es schwierig ist, verallgemeinernde Regeln aufzustellen. Aber: Bitten Sie andere, Hilfe zu holen. Wenn es dunkel ist, versuchen Sie, ins Licht zu kommen. Die Öffentlichkeit bietet den größten Schutz.

HW: Ihre Kollegen geben Grundschülern Verkehrsunterricht auf dem Fahrrad. Machen Sie auch Gewaltprävention?
TRESP: Aber ja! Wir arbeiten ganz eng mit der Schulbehörde zusammen, und das seit vielen Jahren. Bei Jugendlichen ist es in einem bestimmten Alter ja „cool“, sich zu bewaffnen. Ich bin selbst schon in Schulen gewesen und habe mit Jugendlichen intensiv darüber geredet, was das für Konsequenzen hat.
Und wir haben uns auch den Mümmelmannsberger Fall sehr
gründlich angeschaut: Wo müssen wir Licht machen? Was ist dort passiert? Kann es zu weiteren, ähnlichen Fällen kommen? Wir glauben: im Moment nicht.

HW: Wo findet denn Gewalt statt?
TRESP: In nicht unerheblichem Teil in privaten Zusammenhängen. Rund die Hälfte aller schweren Körperverletzungen (dabei kommt es zu bleibenden Schäden) und gefährlichen Körperverletzungen (dabei wird eine Waffe eingesetzt) passiert nicht in der Öffentlichkeit. Bedenken Sie: Seit wir das Gewaltschutzgesetz haben, hat sich in der Wahrnehmung solcher Straftaten ja erheblich etwas verändert, wir haben viele Straftaten „ins Helle geholt“.

HW: Die Frage, ob unsere Straßen sicher sind, muss man trotzdem stellen.
TRESP: Auch wenn man
mit Zahlen immer wieder vorsichtig sein muss: Von 415 Gewaltstraftaten im letzten Jahr in unserem Revier fanden 228 in der Öffentlichkeit statt, der Rest war „nicht sichtbar“.

HW: Also kann ich nachts allein nach Hause gehen?
TRESP: Eindeutig ja. Übrigens: Auch Sexualdelikte finden meistens auf Beziehungsebene statt, dort gilt also ähnliches.
Vielen Dank für das Gespräch!
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1 Kommentar
400
Rainer Stelling aus St. Georg | 23.06.2016 | 18:31  
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