Vorsicht, „Enkeltrick“!

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Mit einstudierter Gesprächstaktik setzt der Täter seine Opfer, häufig Senioren, unter Druck Symbolfoto: thinkstock
 
Hauptkommissar Thomas Wieben ist Spezialist für Prävention Foto: Biehl

Betrüger geben sich als Verwandte aus. Vor allem Senioren sind gefährdet. Teil 2 der Serie

Von Bert C. Biehl
Hamburg
Als der Anrufer sagte, „Nun rate mal, wer dran ist, sag bloß du kennst meine Stimme nicht mehr?“, fragte die Wandsbekerin Helgard F. (86, Name geändert) zurück: „Holger, bist du das?“ In diesem Moment hatte die Falle bereits zugeschnappt. Die Seniorin vermutete ihren Neffen am Telefon – und nun tischte der angebliche Verwandte ihr eine dramatische Geschichte von einer plötzlichen Notlage auf, und dass er dringend eine hohe Geldsumme benötige. Ein Bote werde bald kommen, um den Betrag abzuholen. Der kam, nahm mehrere Tausend Euro mit und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Helgard F. war auf den „Enkeltrick“ hereingefallen, eine besonders hinterhältige Form des Betruges. Denn wer würde einem nahen Verwandten in Not nicht helfen wollen?

Unter Druck gesetzt


Egal ob der Anrufer männlich oder weiblich ist – durch Sätze wie „Hallo Oma“ oder „Ich bin’s doch!“ lassen sich viele aufs falsche Gleis locken. Und ob es nun um einen angeblichen Notfall geht oder um eine nie wiederkehrende Chance zu einer supergünstigen Anschaffung, am Ende steht immer eine kurzfristige Geldforderung und die Ankündigung, dass gleich ein „vertrauenswürdiger Bote“ komme. Denn der tatsächliche Verwandte, den das Opfer vermutet, weiß ja von nichts. „Die einstudierte Gesprächstaktik der Täter setzt die Opfer unter Druck. Die Täter nutzen die Gutgläubigkeit und Hilfsbereitschaft der älteren Menschen gezielt aus“, weiß Thomas Wieben. Der Hauptkommissar ist Spezialist für Prävention am Kommissariat 34.

Opfer gezielt ausgesucht


Er kennt auch die Vorbereitung der Betrüger, sich aus den Telefonbüchern gezielt die Namen von Senioren herauszusuchen, erkennbar an altmodischen Vornamen. Laut Bundeskriminalamt werden auch gerne frühere Bürger aus Sowjetstaaten kontaktiert. Der Anrufer gaukelt dann zum Beispiel vor, dass ein unschuldig in Haft geratener Verwandter in der Heimat nur durch Zahlung einer Bestechungssumme freikommen könne.
Zwar konnte im vergangenen Jahr nach jahrelangen Ermittlungen eine polnische „Enkeltrick“-Bande festgenommen werden – insgesamt 97 Personen, die Hunderte Senioren in Deutschland um Geld oder Wertsachen erleichtert hatten. Doch es gibt Nachahmer. Opferzahlen und Beute können nur geschätzt werden – viele erstatten aus Scham keine Anzeige. Experten gehen daher vage von etlichen Tausend Betrogenen in Deutschland und einem Schaden in mehrstelliger Millionenhöhe aus.

Das rät die Polizei:
- Nicht raten, wer anruft. Den Namen des Anrufers verlangen.
- Den angeblichen Verwandten im Zweifel zurückrufen – unter einer Nummer, die Sie bereits im Telefonbuch haben.
- Immer misstrauisch werden, wenn eine hohe Geldsumme direkt abgeholt werden soll. Bieten Sie eine Überweisung an – ein Betrüger wird das eher nicht wollen.
- Nicht unter Druck setzen lassen. Halten Sie im Zweifel Rücksprache mit Verwandten, Ihrer Bank oder der Polizei. So konnte erst kürzlich in Hamburg wieder ein Betrüger bei der Geldübergabe geschnappt werden.
- Lassen Sie Ihren Vornamen im Telefonbuch vorsorglich abkürzen. Ein entsprechendes Formular für die Telekom gibt es bei Polizeidienststellen.
- Sollten Sie doch einmal Opfer geworden sein – trotz begreiflicher Scham unbedingt Anzeige erstatten! Telefon der Kripo-Fachleute für den Enkeltrickbetrug: 040/4286-60325, im Notfall: 110

Lesen Sie auch Teil 1 der Serie: Wo Diebe zugreifen. Polizei rät: So schützen Sie sich
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1 Kommentar
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Elke Noack aus Rahlstedt | 13.06.2015 | 16:28  
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