Billstedter kickt für die Blinden-Nationalmannschaft

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Stürmer Jonathan Tönsing (l.) in Aktion Foto: Rolf Hardt
 
Sie freuen sich über die Auszeichnungen: Paul Ruge, Jonathan Tönsing und Rasmus Najes (v.l.) Foto: Rolf Hardt

Der 17-jährige Jonathan Tönsing liebt Sport jeder Art. Blindenfußball vom FC St. Pauli sucht Nachwuchs

Von Christa Möller
Billstedt
Wenn die Nationalmannschaft spielt, fiebern Deutschlands Fußballfans mit. Wesentlich weniger Fans haben die Nationalspieler im Blindenfußball. Einer von ihnen ist Jonathan Tönsing, 17. Für den jungen Billstedter kam die Diagnose kurz nach der Geburt: Verantwortlich ist ein Gen-Defekt, der Augenkrebs auslöste und ihn auf beiden Augen erblinden ließ. Rund 400 Mal war er schon als Patient in der Uniklinik in Essen, erst alle drei Monate, dann alle sechs, inzwischen muss er noch einmal im Jahr dorthin – zur Kontrolle. Unterkriegen lässt sich der Teenager dadurch nicht, ganz im Gegenteil. Das der Klinik angeschlossene Haus für betroffene Familien bot dem jungen Billstedter einen geschützten Rahmen für erste sportliche Erfolge: Hier lernte er – schwierig, aber nicht unmöglich – Inline Skates laufen, Fahrrad und Schlittschuh fahren. Doch auch zuhause in Billstedt wollten die Eltern ihren Sohn so normal wie möglich aufwachsen lassen. Er besuchte die Integrationskindertagesstätte Elisenstraße und dann bis zur 8. Klasse die Blinden- und Sehbehindertenschule Hamburg am Borgweg, bevor er in eine Regelschule wechselte: An der Heinrich-Hertz-Schule will Jonathan Tönsing nächstes Jahr seinen Realschulabschluss machen. Unabhängigkeit ist dem 17-Jährigen wichtig, den Schulweg bewältigt er allein. Im Unterricht steht ihm zeitweise ein Bufdi zur Seite, ein Bundesfreiwilligendienstler, der die Arbeitsblätter, die Jonathan ebenso wie die Bücher auf dem Laptop mit Sprachprogramm und Braille-Zeile digital bearbeiten kann, für die Lehrer wieder umformatiert. Bei Klassenarbeiten hat er durch den gesetzlich vorgeschriebenen Nachteilsausgleich etwas mehr Zeit als seine sehenden Mitschüler. Jonathans Lieblingsfach ist, ganz klar, Sport. „Ich habe einen Sportlehrer, der mir das sehr gut erklären kann“, freut er sich. Besonders gern mag er außerdem Physik, Chemie und Mathematik.

Newcomer des Jahres beim FC St. Pauli


Mit acht Jahren entdeckte Johannes, dessen zwei Jahre ältere Schwester im Judo-Leistungssport aktiv ist, seine Leidenschaft fürs Rudern beim Ruderverein Bille. „Ich bin alles gefahren, vom Einer bis zum Vierer“, erzählt Jonathan, der den Sport schließlich aufgrund der Trainingszeiten zugunsten des Blindenfußballs beim FC St. Pauli aufgab. Dort war er schon mit 13 Jahren „Newcomer des Jahres“, ebenso wie sein damals zwölfjähriger Teamkollege Rasmus Najes aus der Lüneburger Heide. Beim FC St. Pauli kicken die beiden mit zwei weiteren jugendlichen Spielern - „worum uns alle anderen Vereine beneiden“ - und sieben Erwachsenen. „Der Blindenfußball stammt vom Futsal ab, einer Hallenfußballsportart“, erklärt der Stürmer. Auf dem 40 x 20 Meter großen Fußballfeld mit Seitenbande und Handballtor sind pro Team ein sehender Torwart und vier Spieler im Einsatz, unterstützt von Guides, die ihnen kurze Kommandos geben. „Aber was wir dann machen, müssen wir selbst entscheiden“, betont Jonathan. Als Warnung rufen die Spieler international „voy“, spanisch für „ich gehe“. „Blindenfußball wird draußen gespielt, auf Kunstrasen“, sagt Jonathan. Der Rasselball wird hauptsächlich flach gespielt, Kopfbälle gibt es nicht. Die aus Brasilien stammende Sportart ist in Deutschland erst seit 2006 heimisch und wird seither in Hamburg vom FC St. Pauli angeboten. Seit 2008 spielt der Verein in der Bundesliga, der insgesamt neun Mannschaften angehören. Jonathan beweist immer wieder sein technisches Geschick, ist mit 15 Toren Torschützenkönig und gehört inzwischen zur Nationalmannschaft. Sein erstes Länderspiel absolvierte er im Juni in Göttingen gegen Argentinien. Im Juli ging es dann in Bad Oeynhausen gegen Marokko, wo er sein erstes Tor für Deutschland geschossen hat. „Das Tolle am Blindenfußball ist, dass es für die Blinden genauso möglich ist Fußball zu spielen wie für die sehenden Fußballer“, sagt Jonathan, der sich auf ein Highlight vor der Winterpause freut: Das Vier-Länder-Turnier am 1. Adventswochenende in Leipzig. Jonathan legt Wert auf Selbstständigkeit, nutzt What’sApp und Facebook, trifft sich gern mit Freunden und versucht auch sonst, sich überall genauso frei zu bewegen wie zuhause, indem er sich die Wege merkt wie gerade beim Familienurlaub auf Lanzarote oder am vergangenen Wochenende beim Turnier in Paris. Sein Vater Rolf Hardt war früher Freizeitfußballer, heute unterstützt er den Sport seines Sohnes ehrenamtlich, unter anderem als Guide und bei der Reiseplanung, während Mutter Bettina Tönsing sich bei Turnieren des Vereins engagiert.

Dem Blindenfußball fehlt der Nachwuchs. Wer Lust hat, beim FC St. Pauli mitzukicken, findet nähere Infos unter www.fcstpauli.info
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