"Der Vater": Ein berührendes Erinnerungs-Stück

Anzeige
Volker Lechtenbrink ist "Der Vater" (Foto: Stefan Malzkorn)

Volker Lechtenbrink glänzt in der deutschsprachigen Erstaufführung am St. Pauli-Theater

Beim großen Applaus nach der Premiere von „Der Vater“ fasste Hauptdarsteller Volker Lechtenbrink am Montag Abend (30. März) Regisseur Ulli Waller freundschaftlich an die Schulter, als ob er dem Hausherrn des St. Pauli-Theaters sagen wollte: „Sei beruhigt, es ist alles gut gelaufen.“

Es war eine jungenhafte Geste, die zu dem 70-Jährigen Lechtenbrink passt. Seine sonore, warme Stimme altert nicht, Lechtenbrink verkörpert für seine Fans eine sympathische Zeitlosigkeit. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist es so spannend, ihn in der Rolle des 80-Jährigen zu sehen, der sich in der Welt der Alzheimer-Krankheit verirrt. Bis zum bitteren Ende.

Lechtenbrink ist André, „Der Vater“ in der gleichnamigen tragischen Farce des französischen Erfolgsautors Florian Zeller (36, „Eine Stunde Ruhe“, ebenfalls im St. Pauli-Theater im Programm). André war Ingenieur, eine Autorität, wie seine Tochter Anne (adrett: Johanna Christine Gehlen) noch weiß. Doch nun ist André krank. Er vergisst immer öfter, wo er seine Uhr abgelegt hat. Das Wort „Erinnerungsstück“ bekommt dabei eine tiefere Bedeutung. André verdächtigt die Haushaltshilfe, den Chronometer entwendet zu haben. Schon zu Beginn des 95-Minuten-Stücks (ohne Pause) zeigen sich da erste Aggressivitätsmomente, die sich im Verlauf der aneinandergereihten Szenen immer öfter Bahn brechen.

Aus der Perspektive des Vergessenden blickt der Zuschauer auf Menschen und Dinge, die plötzlich ganz anders sind als sie zu sein scheinen. Wände bewegen sich – Sinnbild für die sich veränderte Wahrnehmung (Bühne: Raimund Bauer). „Ich werde diese Wohnung niemals verlassen“, schwört André. Und ist doch schon im Appartement der Tochter. Auch Anne sieht in einer Szene ganz anders aus (Anne Weber).

Wie schnell verläuft die Krankheit, wann war eigentlich was? Es verschwimmen Zeit und Raum, so wie im Kopf der Alzheimer-Kranken. Die, die helfen wollen, schwanken zwischen gutem Willen und Wut. Anne: „Ich kann ihn doch nicht alleine lassen“. Anne: „Ich habe geträumt, ich bringe ihn um. Ein böser Moment“.

Die Aufgabe belastet auch ihre Beziehung zu Pierre (Stephan Schad). Aber ist Pierre wirklich noch da oder bereits Vergangenheit? Geschickt spielen Autor und Regisseur mit den Ebenen und hinterlassen bei den Zuschauern ein beklemmendes Gefühl. 1,5 Millionen Menschen sind nach Angaben der Alzheimer-Gesellschaft von Demenz betroffen, davon ist bei zwei Dritteln Ursache die Alzheimer-Krankheit. Und mit höherem Lebensalter steigt das Risiko dafür. In einer Gesellschaft mit immer mehr Älteren und steigender Lebenserwartung ein Thema, das zusehends beschäftigt.

Von Szene zu Szene versinkt André tiefer in seiner Welt. Die typischen Stimmungsschwankungen spielt Lechtenbrink grandios, gibt den schlurfenden Pyjama-Alten und den rauchenden Senior-Bon-Vivant, der zur nächsten Pflegerin (Victoria Fleer) plötzlich wieder ganz charmant sein kann – bevor er in die nächste Ablehnungskurve geht. So wirft er Tochter Anne immer wieder vor, sie sei eben nicht Elise, die Tochter, die er viel lieber habe.

Ein happy End kann es hier nicht geben. Doch ein versöhnliches Schlaflied, mit dem sich „Der Vater“ im Pflegeheim von einer Krankenschwester beruhigen lässt. Seine Tochter kommt nur zu gelegentlichen Wochenendbesuchen und lebt ihr eigenes Leben. Die Hilfe durch die Angehörigen ist nicht zu leisten, diese Botschaft darf nach dem Theaterbesuch diskutiert werden. Für das sehenswerte Erinnerungs-Stück gibt es am Ende einen ernsten, tief positiv getragenen Beifall vom Premierenpublikum (u.a. gesehen: Hannelore Hoger, Nina Petri, Kultursenatorin Kisseler). (sta)

Noch bis 25. April am St. Pauli-Theater, www.st-pauli-theater.de
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige