Memmingen - eine Kleinstadt im Allgäu mit großer Vergangenheit

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Der großzügig angelegte Marktplatz von Memmingen
 
Nur der Einlass, im Jahr 1475 erbaut, bot die Möglichkeit, nach Schließung der Tore in die Stadt zu gelangen.
Von Elke Backert

Als ich kürzlich Freunde in Memmingen besuchte, dachte ich, hoffentlich wird es mir da nicht langweilig. Was kann so eine Kleinstadt im Allgäu mit etwa 41.000 Einwohnern, eine gute Zugstunde von München, schon bieten. Gut, sie hat einen Flugplatz, der wohl stark genutzt wird, weil alle mal raus wollen aus dieser Stadt.
Nein, ein Rundgang belehrte mich eines Besseren. Ich staunte, wie viele Sehenswürdigkeiten der Ort hat und dass man sogar auf einer „Roten Linie“, die zu den architektonischen und geschichtlichen Höhepunkten Memmingens führt, und einer „Grünen Linie“, die einem die grüne Seite Memmingens mit ihren Parkanlagen, Toren und Türmen, Schanzen und Mauerzügen näher bringt, auf sie aufmerksam macht und ein Faltblatt mit Stadtplan die wichtigsten aufführt.

Da überrascht als erstes die Stadtmauer, deren ältester Teil von 1170 stammt und ebenso gut wie die gesamte Stadtbefestigung mit ihren Türmen erhalten ist. Witzig ist der „Einlaß“, der auf einem Schild erklärt, was dieses Tor bedeutet hat. Weil nachts die großen reichsstädtischen Tore geschlossen wurden, bot nur der Einlass, im Jahr 1475 erbaut, die Möglichkeit, in die Stadt zu gelangen. Wegen seines feingegliederten Giebels gilt der Einlass als schönstes Tor Memmingens. Von den früher acht Toren haben sich bis heute außerdem Ulmer Tor, Westertor, Lindauer Tor und Kempter Tor erhalten.
Das hohe, schlanke Ulmer Tor geht auf die Zeit vor dem 30-jährigen Krieg zurück. Die moderne Bemalung nimmt Bezug auf ein Ereignis von 1489, den Einzug von König Maximilian in „seine“ Reichsstadt Memmingen. Nach der Erhebung zur Reichsstadt im Jahre 1268 war auch Memmingen nur dem jeweils herrschenden König untertan. Erst 1803 kam Memmingen zu Bayern.

Das Westertor, ehemals ein hohes Satteldachtor aus dem 14. Jahrhundert, im 30-jährigen Krieg teilweise zerstört, bekam seine heutige Gestalt mit Oktogon und
Haube erst 1660. Seither verbindet es die Innenstadt mit dem westlichen Stadtgebiet.

Die ältesten Reste der Memminger Stadtmauer aus dem 12. Jahrhundert schließen den Park nach Süden hin ab. Auf einem zugeschütteten Wassergraben gelegen, ist der Zollergarten ein grünes Kleinod Memmingens. Seit 1908 ist der einstige Privatpark der Familie von Zoller der Öffentlichkeit zugänglich.

Seit langer Zeit durchzieht der Stadtbach Memmingen wie eine Lebensader. Früher der sommerlichen Bachreinigung dienend, steht heute das Ausfischen im Vordergrund, der Memminger Fischertag. Er hat eine lange Tradition. Mit dem Böllerschuss um 8 Uhr „jucken“, was springen bedeutet, die Fischer Ende Juli am Fischertag in den Bach. Der „Bären“, ein Gabelnetz, ist das wichtigste Utensil, um die Fische zu fangen. Fischerkönig wird, wer die schwerste Forelle fängt. Der 1955 von August Schwingenstein gestiftete Brunnen ist das Symbol dieses Festes. Ein „Königshaus“, das Haus des Fischerkönigs 1993 Rolf III., „der Turmbläser“, ist in Memmingen zu sehen.

Fast einem Stadtschloss gleichend, prägt das gewaltige Bauwerk der Fugger den Schweizerberg. Seine große historische Bedeutung erhielt der Fuggerbau erst während des 30-jährigen Krieges. Im Sommer 1630 war hier für vier Monate das Hauptquartier des Generalissimus Wallenstein. In Erinnerung daran werden seit 1980 die Wallenstein-Spiele abgehalten. König Gustav Adolf von Schweden, der evangelische Gegenspieler Wallensteins, quartierte sich 1632 kurzzeitig im Fuggerbau ein.

Das 1589 errichtete Rathaus wurde im 18. Jahrhundert neu gestaltet mit geschweiftem Giebel, feinem Stuck und eleganten Türmen.

Mächtig erhebt sich der Turm von St. Martin über der Stadt. Die Umrahmung des
Zifferblatts der Turmuhr wurde 1524 von Bernhard Strigel geschaffen, sie lockert das
strenge Äußere des Turms auf.

Als Spital-Orden, mit Mutterkloster in Südfrankreich, dem Antonierhaus, behandelten die Mönche eine der schrecklichsten Krankheiten früherer Zeiten, den Mutterkornbrand. Die vierflügelige Antoniter-Niederlassung gilt als eine der besterhaltenen ihrer Art in Europa. Heute befinden sich die öffentliche Stadtbibliothek und das Antoniter- und Strigelmuseum darin.

Über viele Jahrhunderte war das Memminger Handwerk in elf Zünften organisiert. Die zahlreichen Zunfthäuser am Weinmarkt machen deutlich, welch hohen Stellenwert das Handwerk für die Stadt hatte. Die Kramer, Weber, Metzger, Merzler, Lodner und Zimmerleute umrahmten mit ihren Zunfthäusern diesen alten Markt.

Von der ursprünglichen Bedeutung der Kinderlehrkirche erzählt das Fresko von Bernhard Strigel über dem Eingangsportal. Dargestellt sind neben der Kreuzigung Szenen aus dem Leben des Heiligen Antonius: links die Segnung von Mensch und Tier, rechts die Versuchung des Heiligen Antonius. Einst dem Heiligen Antonius Eremita geweiht, diente die Kinderlehrkirche den Mönchen der nebenstehenden Antoniter-Niederlassung bis 1562 als Kirche. Seit damals evangelisch-
lutherische Prediger-Kirche, wurde sie auch als Sonntagsschule für Kinder genutzt.

Mit über 150 Gaststätten, Restaurants, Cafés und Weinstuben bietet Memmingen unzählige Möglichkeiten zum Einkehren und Genießen. Sogar das New Yorker Vorzeige-Café und Restaurant The Hampton`s hat sich in einem wunderschönen „Palast“ am Marktplatz niedergelassen.
Eine einladende Fußgängerzone lässt Shopping-Herzen höher schlagen. Selbst beim schnellen Vorbeigehen fallen herrlich vergitterte Fenster auf. Also ruhig mal hinreisen.

Fotos Elke Backert
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