Inflation bei Spielabbrüchen: Überforderte Schiedsrichter

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Von Ulrich Bunsmann, 2. Vorsitzender des DSC Hanseat von 1899 e.V.

Bis zum Frühjahr dieses Jahres hatte ich trotz jahrzehntelangen Besuchs von Fussballspielen nie einen Spielabbruch erlebt. Wann immer ich von so etwas hörte, ging es (ausser bei witterungsbedingten Abbrüchen) um extreme Situationen, gehäufte Platzverweise, Gewalt unter Spielern u.ä. Ein Spielabbruch war in meiner Vorstellung so etwas wie eine "Ultima Ratio", wenn die Situation auf dem Platz völlig ausser Kontrolle zu geraten drohte.

So sagt es auch das DFB-Regelbuch, Regel 5: "Ein Schiedsrichter kann ein Spiel abbrechen. Ein Spielabbruch sollte nur erfolgen, nachdem alle zumutbaren Mittel, das Spiel fortzusetzen, erschöpft sind. Gründe für einen Spielabbruch können beispielsweise Witterungsverhältnisse, Einflüsse von außen wie Zuschauerausschreitungen, massive Bedrohungen oder ein tätlicher Angriff gegen den Schiedsrichter oder sein Team." (Unterstreichungen von mir. UB)

Nach den beiden Spielabbrüchen, die ich jetzt persönlich erlebt habe (Spiele des DSC Hanseat gegen KS Polonia im Frühjahr und gegen Billstedt-Horn heute), frage ich mich allerdings, ob diese Regel bei der scheinbar inflationär zunehmenden Zahl von Spielabbrüchen im Hamburger Amateur-Fussball wirklich noch angewendet wird, oder ob sich überforderte Schiedsrichter in Spielabbrüche flüchten, deren Fehlreaktionen dann von einer Sportgerichtsbarkeit gedeckt werden, die fürchtet, die "Büchse der Pandora" zu öffnen, wenn sie das unbedingte Primat der Schiedsrichter-Entscheidung infrage stellen lässt.

Zur Illustration eine kurze Schilderung der beiden Fälle, die ich selbst erlebt habe. Das erste Spiel - DSC Hanseat gegen KS Polonia - war beim Stande von 0:4 Mitte der 2. Halbzeit längst entschieden, als Schiedsrichter Karsten Roos dem linken Aussenverteidiger der DSC die Rote Karte zeigte. Der Spieler stürmte daraufhin wutentbrannt auf den Schiedsrichter zu, wurde aber von seinen Mannschaftskameraden schnell wieder unter Kontrolle gebracht. Von einer massiven Bedrohung oder einem tätlichen Angriff auf den Schiedsrichter konnte wirklich keine Rede sein, die Spielathmosphäre war bis dahin auch nicht besonders aggressiv gewesen, ein Spielabbruch war völlig überflüssig.



Beim heutigen Spiel des DSC Hanseat bei Billstedt-Horn war die Situation, aus der der Spielabbruch entstand, deutlich hitziger. Beim Stand von 2:1 für die Platzherren drängte der DSC Hanseat in der Nachspielzeit auf den Ausgleich. DSC-Mittelfeldspieler Jose Rodrigues erkämpfte kurz vor dem eigenen Strafraum den Ball und wurde von seinem Billstedter Gegenspieler für jeden erkennbar rüde gefoult, nur der fällige Schiedsrichter-Pfiff blieb aus. Rodrigues liess sich im Nachsetzen zu einem Revanche-Foul hinreissen, für das er durchaus zurecht von Schiedsrichter Thorsten Kittendorf die Rote Karte sah. Angesichts des vorhergehenden, ungeahndeten Foulspiels kochten die Emotionen beim DSC hoch, es kam zu den in solchen Situationen nicht unbekannten heftigen Diskussionen. Von Zuschauerausschreitungen, einer massiven Bedrohung oder einem tätlichen Angriff auf den Schiedsrichter konnte aber auch hier keine Rede sein, lediglich ein auf das Spielfeld zurückgeworfener Ball streifte den Schiedsrichter am rechten Oberarm. Es wäre für den Schiedsrichter in dieser Situation ein Leichtes gewesen, das Spiel angesichts der abgelaufenen Nachspielzeit einfach zu beenden oder auch mit einem Freistoss für Billstedt-Horn fortzusetzen. Die Regel-Voraussetzungen für einen Spielabbruch lagen einfach nicht vor.

Angesichs meiner bisherigen Erfahrungen mit der Sportgerichtsbarkeit rechne ich nicht damit, dass es die Entscheidung des in dieser Situation offensichtlich überforderten Schiedsrichter Kittendorf korrigieren und das Spiel einfach mit 2:1 für Billstedt-Horn werten wird. Ein bisschen kann ich das sogar verstehen: Man würde damit der Überprüfung falscher Schiedsrichter-Entscheidungen Tür und Tor öffnen - und Schiedsrichter sind eben auch nicht besser als Spieler und machen Fehler.

Es wäre aber vielleicht eine Überlegung wert, bei der Schulung bzw. Nachschulung der Schiedsrichter etwas mehr Augenmerk darauf zu legen, der Spielabbruch-Inflation entgegenzuwirken. Denn Spielabbrüche sind nicht gut für das Ansehen des Fussballs: Unnötige sollte man nicht nur deshalb so weit wie möglich vermeiden.
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