Druck der Zeit

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Fünf unter dem Druck der Zeit: Max Landgrebe, Verena Ehrmann, Christian Kerepeszki, Imke Trommler und Hildegard Schroedter (v.l.) Foto: Bo Lahola

„ZEIT“ an den Hamburger Kammerspielen

Rotherbaum. Die Zeit - sie macht uns zu schaffen. Wir haben keinen Einfluß auf sie. Sie schreitet unaufhaltsam voran. So wie die fünf Personen in Ingrid Lausunds neuster Theaterproduktion „ZEIT - die erschöpfte Schnecke wirft ihr Haus weg und flippt richtig aus“, die kürzlich in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt wurde. Fünf Personen, zwei Männer und drei Frauen, gehen unaufhörlich über die Bühne, verschwinden zwischen schwarzen Bühnenelementen, und tauchen kurz darauf auf der anderen Seite wieder auf, um ihre Bahn von vorn zu beginnen. Zuerst lautlos. Dann geben die fünf Gehetzten einige Wortbrocken von sich. Schließlich ganze Sätze. Typen schälen sich heraus. Ganz vorn wirft sich der gestresste Jungkarrierist in Schale, zählt unentwegt seine Termine auf, die nur ganz knapp zu schaffen sind. So zwischendurch: Schluß machen mit Sabine, denn eine Beziehung ist „ein echter Zeitfresser“. Das wird anstrengend! Und am nächsten Morgen muss man doch wieder fit sein! Daneben eine Dame mittleren Alters, die das Zusammenleben mit Partnern verpasst hat. „Ich bin allein, aber ich bin nicht einsam“, resümiert sie irgendwann, vertreibt sich die Zeit, deren Verplanung sie nur mühsam auf die Reihe bekommt, mit allerlei Aktivitäten, und gerät irgendwann mit dem Karrieristen aneinander, weil sie in seinen Augen vor ihm im Laden zu langsam ist, ihm Zeit stiehlt.
Auf der mittleren Bahn türmen sich immer mehr Aufgaben im Leben einer jungen Mutter, die sie kaum noch bewältigen kann. Der Rucksack, den sie trägt, wird immer größer. Sie ist die Schnecke aus dem Titel, die irgendwann richtig ausflippt, läuft quer über die Bahnen und schreit die anderen an. „Nein sagen“, hat sie sich vorgenommen, aber das ist leichter gesagt als getan. Auf Bahn vier stellt sich eine junge Frau immer wieder die Fragen: „Wer bin ich und was will ich?“ In immer neuen Outfits sucht sie ihren Platz im Leben und hat ständig das Gefühl, sie verplempert ihre Lebenszeit. Auch eine Affäre mit dem Karrieristen - quer über die Bahnen - hilft nicht weiter. Auf der kürzesten Strecke schließlich wartet ein vermeintlich gelassener Zeitgenosse darauf, dass seine Frau zu ihm zurückkommt. Immer wieder hämmert er sich ein: „Carpe diem“. Nutze den Tag. Genau das gelingt den fünf Protagonisten in Ingrid Lausunds ZEIT-Stück nicht. Auch an Kommunikation zwischen den Getriebenen mangelt es. Nur gelegentlich kommt es zu Kontakten. Alle verfolgen sie in erster Linie verbissen ihre eigene Bahn. Die Regisseurin und Theaterproduzentin Ingrid Lausund hat in ihrem neusten Werk beeindruckend anstrengende Bilder für die Unerbittlichkeit der Zeit gefunden, in denen sie heutige Menschen mit der Zeit kämpfen, um Zeit ringen und an der Zeit verzweifeln lässt. Das ist mitunter urkomisch und dürfte niemanden unberührt lassen, denn hier finden sich alle irgendwo wieder.

„ZEIT - Die erschöpfte Schnecke wirft ihr Haus weg und flippt richtig aus“ ist bis zum 19. Mai in den Hamburger Kammerspiele, Hartungstraße 9-11, zu sehen. (ch)
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