Hamburg: Beschmierte ‚heile Welt‘

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Alice und Patrick (Jacqueline Macaulay und Rufus Beck) sind entsetzt: Sohn Joe (Jonathan Beck) sprüht Hassparolen Foto: Peter Hönnemann

Kammerspiele: In „Zorn“ brechen fragile Fassaden ein und blanker Hass aus

Hamburg. Die Welt des intellektuellen Upper-Class-Paares Alice und Patrick, das in einer großen Metropole mit spektakulärem Ausblick lebt, ist scheinbar perfekt: Die erfolgreiche Neurowissenschaftlerin Alice (Jacqueline Macaulay) soll in Kürze einen Preis für ihr humanitäres Engagement erhalten und die Veröffentlichung von Patricks (Rufus Beck) siebten Roman steht kurz bevor. Doch dann bricht jäh die Katastrophe herein als herauskommt, dass Sohn Joe (Jonathan Beck) eine Moschee mit Graffiti beschmiert hat. Die altlinken Eltern sind entsetzt – auch, weil die Tat zur bevorstehenden Preisübergabe denkbar ungelegen kommt.
Auch die Schulleitung ist fassungslos. Um Joe geht es dabei jedoch weniger: Gefühle solle er mit seinem Therapeuten besprechen, dafür sei die Schule nicht zuständig, lässt sein Lehrer (Gerd Lukas Storzer) ihn wissen. Image und Selbstvermarktung sind eben alles, und das ist auch längst in der Schule angekommen.
Doch dann konfrontiert die junge Journalistin Rebecca (Lena Dörrie) Alice mit ihrer Mitgliedschaft bei der radikalen Studentenbewegung „Fury“ (Zorn), selbstgerechte Positionen müssen neu verhandelt werden – und der softe Patrick muss erstmals eine beziehen.
Den von John und Peter von Düffel ins Deutsche übersetzten Dialogen der australischen Dramatikerin Joanna Murray-Smith zuzuhören ist extrem spannend.

Hemmungslose Selbstvermarktung

Verhandelt werden in „Zorn“ sämtliche aktuellen Themen von Religion, Radikalität und menschlichen Werten bis zur hemmungslosen Selbstvermarktung. Das bestens besetzte Ensemble agiert auf einer geschickt von Hans Richter entworfenen Bühne, die sich je nach Beleuchtung, stilisierter Skyline und loungiger Jazz-Musik ins urbane Wohnzimmer oder das Büro des Schuldirektors verwandelt. Und wenn Alice und Patrick auf die Eltern von Joes Mittäter Trevor, das Arbeiter-Pärchen Bob (Ulrich Bähnk) und Annie (Isabell Fischer) treffen, erinnert dieser Culture-Clash im besten Sinne an Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“. Die „Zorn“-Inszenierung von Harald Clemen ist eine spannende Herausforderung für das Publikum. Empathie mit den Figuren schafft sie jedoch nicht. Die lassen einen in ihrem unterkühlten Elfenbeinturm seltsam kalt.
„Zorn“ läuft bis 19. Oktober in den Kammerspielen. (flü)
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