Hamburger Kammerspiele zeigen „Am Rand“

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Träumen von Paris: Azad (Evangelos Sargantzo) und Tamar (Milena Straube) Foto: Krusebild

Theaterstück von Sedef Ecer erzählt von der Suche nach einem besseren Leben

Von Miriam Flüß
Rotherbaum
„Schlepper haben den Friedens-Nobelpreis verdient“, findet Azad, der mit seiner Freundin Tamar in einer Baracken-Siedlung auf einer Müllhalde am Rande einer nicht benannten Großstadt haust und von der Flucht in den Westen träumt. Der Schlepper, der ihn für 700 Euro in den „Schengenraum“ bringen will, ist für Azad (Evangelos Sagantzo) der Heilsbringer. Seine Freundin Tamar (Milena Straube) setzt da eher auf Fernseh-Glücksfee Sultane, die den Ärmsten der Armen am Rand der Gesellschaft Herzenswünsche wie Waschmaschinen oder einen Fernseher erfüllt, der Fernweh nach westlichen Großstädten wie Paris weckt, in denen, so die Vorstellung, schicke Französinnen dauernd „oh lálá“ sagen. Azad und Tamar sind Waisen, ihre Eltern starben bei einer Explosion in der notdürftig selbst erbauten Baracken-Siedlung an der Müllhalde. Azads Mutter Dilcha (Taneshia Abt) und Tamars Mutter Kybélée (Melek Erenay) waren Freundinnen – misstrauisch beäugt von Dilchas Mann Bilo (Patrick Abozen) und Nachbarn in der Siedlung, denn Kybélée ist eine Roma. Als Ausgegrenzte unter Ausgegrenzten wird die „Roma-Hexe“ verantwortlich gemacht für Babys, die mit Missbildungen geboren werden und die Explosion in der Siedlung. Die Fabrik für Insektenvergiftungsmittel, die an der Müllhalde angesiedelt ist und billigen Tagelöhnern einen giftigen Arbeitsplatz bietet, wird hingegen als Heilsbringer gefeiert. Hansgünther Heymes Inszenierung von „Am Rand“ der türkischen Autorin Sedef Ecer gibt den Opfern des globalen Kapitalismus auf der Bühne eine nachhallende Stimme und ist intensiver Denkanstoß über den Terminus Wirtschaftsflüchtling – den Tamar-Darstellerin Milena Straube strikt ablehnt: „Hier wird verdeutlicht, dass nicht ausschließlich Krieg zur Flucht nötigt. Wenn man am alleräußersten Rand der Gesellschaft lebt, wird man nicht mehr von ihr geschützt, sondern wird stigmatisiert und ist ihr ausgeliefert.“ Die vermeintlichen Heilsbringer, der Schlepper und die Fernseh-Glücksfee, lösen für Azar und Tamar schließlich ihr Versprechen ein und bringen sie in den „Schengenraum“ nach Paris. Als Statisten von Sultanes Fernseh-Show sorgen sie so für die Dauer einer TV-Sendung für hohe Einschaltquoten. Und finden als Ausgegrenzte auch hier doch nur einen Platz am Rand.

„Am Rand“: bis 23. Oktober in den Hamburger Kammerspielen zu sehen. Telefon 41 33 440. Weitere Informationen: Hamburger Kammerspiele
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