Hamburger Kammerspiele zeigen „Place of Birth“

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Peter Bause schlüpft im aktuellen Kammerspiel-Stück in Opfer- wie auch Täterrollen Foto: Bo Lahola

Schauspieler Peter Bause brilliert im Stück über das KZ Bergen-Belsen

Von Miriam Flüß
Rotherbaum
Eine „ungeplante Trilogie“ vollenden Schauspieler Peter Bause und Regisseur Axel Schneider mit „Place of Birth: Bergen-Belsen“. Nach „Jugend ohne Gott“ und „Die Judenbank“ widmet sich das eingespielte Duo nun der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und einer weitgehend unbekannten Geschichte. Das Konzentrationslager Bergen-Belsen im niedersächsischen Landkreis Celle, mitten in der Lüneburger Heide, war für Tausende NS-Verfolgte eine Durchgangsstation auf dem Weg in die Vernichtungslager. Mindestens
52.000 Menschen starben hier aufgrund der Haftbedingungen. Jakob Weintraub (Peter Bause) wird hier geboren. Seine jüdischen Eltern mussten nach der Befreiung im April 1945 sechs weitere Jahre in dem Lager ausharren und auf ihre Ausreise warten. Sie gehörten zu den rund 60.000 sogenannten Displaced Persons in Bergen-Belsen, die die Briten am liebsten zurück in ihre Herkunftsorte geschickt hätten. Die in den meisten Fällen Europa aber verlassen wollten. In der idyllischen Landschaft der Lüneburger Heide, einer „Kulturlandschaft“ wie ein Wanderführer (ebenfalls Peter Bause) erklärt, gedeiht aber auch bis heute der Nazi-Sumpf. So fand SS-Offizier Adolf Eichmann dort jahrelang Unterschlupf als Hühnerzüchter. „Er verkaufte an die verbliebenen Juden sogar Eier“, so Regisseur und Kammerspiele-Intendant Axel Schneider, dessen Inszenierung sowohl auf Recherchen als auch auf fiktiven Elementen beruht. In einen kalten schmalen Lichtstreifen gehüllt schlüpft Peter Bause immer wieder auch in die Rolle Eichmanns, der seine Taten rechtfertigt und sich als Befehlsempfänger als unschuldig empfindet. Während der NS-Massenmörder in der Lüneburger Heide Eier verkauft, befragt Jakob Weintraub seine traumatisierten Eltern vergeblich, warum er nicht wie andere Kinder auch Oma, Opa, Tanten und Onkel hat. Der Logensaal der Hamburger Kammerspiele war am 11. Juli 1942 Sammelpunkt für einen der Hamburger Transporte nach Ausschwitz. „Wir widmen diesen Theaterabend dem Andenken der damals deportierten Menschen“, heißt es im Programmheft. „Place of Birth: Bergen-Belsen“, das mit Bühnennebel und mannshohen Ähren eine unheimliche Heide-Stimmung aufkommen lässt, ist aber auch brandaktuell. Wenn Dorfbewohner (alle Rollen Peter Bause) sich über die „Unholde“ beklagen, die nach der KZ-Befreiung das idyllische Dorfleben als Störfaktoren ins Chaos gestürzt hätten und Jakob Weintraub über die mittlerweile verbotene Wiking Jugend, ihre Nachfolgegruppen, rechte Siedler und rechtsextremistische Treffen in der Heide nachdenkt, führt das direkt ins Deutschland 2016.

„Place of Birth: Bergen-Belsen“ ist bis zum 22. November zu sehen, Informationen und Karten auf www.hamburger-kammerspiele.de oder Telefon 41 33 440
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