Hamburger Kammerspiele zeigen Rock-Musical

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Tochter Natalie leidet unter der bipolaren Störung ihrer Mutter Foto: La Bahola

„Fast normal“ eröffnet neue Spielzeit. Stück erzählt über die bipolare Störung einer Mutter

Von Miriam Flüß
Rotherbaum
Kann man ein Drama um eine schwere psychische Erkrankung als Musical auf die Bühne bringen? Und kann man das, ganz ohne Andrew-Lloyd-Webber-Kitsch, mit mehrdimensionalen Figuren und vielschichtigen Texten? Man kann, wie die Kammerspiele mit dem Rock-Musical „Fast normal“,das am 4. September die Spielzeit eröffnete, beweisen. Einen fulminanten Start legte das großartige Ensemble unter der Regie von Harald Weiler hin, der vom Publikum mit Standing Ovations bejubelt wurde. Mutig ist nicht nur die Wahl des Themas und Genres, sondern auch die Ensemble-Größe: Die sechs Schauspieler werden von fünf Musikern begleitet. Dabei ist es keine leichte Kost, die mit der Musik von US-Komponist Tom Kitt (deutsche Übersetzung von Titus Hoffmann) serviert wird: Die amerikanische Vorort-Hausfrau Diana Goodman (Carolin Fortenbacher) ist nach dem Tod ihres Säuglings vor 17 Jahren an einer bipolaren Störung erkrankt. Ihre extremen Stimmungsschwankungen zwischen depressiven und euphorischen Phasen machen ein „normales“ Familienleben mit Mann Dan (Robin Brosch) und der 16-jährigen Tochter Natalie (Alice Hanimyan) nahezu unmöglich. Der verstorbene Sohn (Elias Krischke) ist für Diana allgegenwärtig, während Dan seinen Tod verdrängt hat. Unter der familiären Konstellation leidet besonders die pubertierende Tochter Natalie, die sich von der Übermacht des vermeintlich perfekten, verstorbenen Bruders erdrückt und von der Mutter nicht gesehen fühlt. Auch ihre erste, zart aufkeimende Liebe zu Mitschüler Henry (Jan Rogler) wird so überschattet. Das Ensemble um Carolin Fortenbacher („Mamma Mia“) ist durchweg großartig und verleiht seinen Figuren eine Tiefe, die unter die Haut geht. So hat das Fußwippen zu den Rock-Rhythmen im Zuschauerraum nicht selten auch die Funktion, emotionale Spannungen abzubauen. Denn an Themen kommen hier, neben der bipolaren Störung, auch Verdrängung, Trauer, Eltern-Kind-Beziehung und Medikamenten-Abhängigkeit auf die Bühne. Aber es gibt auch komische Momente, in denen die Protagonisten jedoch nie der Verniedlichung ihres Leids preisgegeben werden. Für Lacher sorgen eher die vermeintlichen Heiler Dr. Fine und Dr. Madden (Tim Grobe in einer Doppelrolle), die – aus narzisstischen oder finanziellen Gründen – nicht wirklich an der Gesundung ihrer Patientin interessiert sind.

Bis zum 9. Oktober ist „Fast normal“ in den Hamburger Kammerspielen zu sehen. Ticket-Telefon 41 33 440. Weitere Infos: Hamburger Kammerspiele
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