Ist das deutsch oder kann das weg?

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Barbara (Meike Anna Stock, l.) und Linda (Rabea Lübbe) sind nicht immer einer Meinung Foto: Oliver Fantitsch/wb

„Wir sind keine Barbaren“ im Theater Kontraste im Fährhaus: Spannendes Stück zum Thema Flüchtlinge

Winterhude Die Deutschen und die Flüchtlinge. Das aktuelle Thema hat Philipp Löhle (Jahrgang 1978) in seinem Stück „Wir sind keine Barbaren“, das kürzlich im Theater Kontraste, im Saal eins der Komödie Winterhuder Fährhaus, Premiere hatte, beklemmend, mit komisch-piontierten Dialogen und in der Form eindrucksvoll bearbeitet. Murat Yeginer hat daraus mit vier ausgezeichneten Darstellern und einem Chor eine spannende, oft unterhaltsame Inszenierung entwickelt.
Im Mittelpunkt stehen die Deutschen, die sich ja so toll finden, und plötzlich mit einem Problem konfrontiert werden, das ihre heile Gutmenschenwelt arg strapaziert. Der Heimatchor, eine höchst reizvolle Komponente dieses Stückes, beschreibt das deutsche Selbstverständnis anno 2015 in „Wir“-Form und kommentiert das Geschehen immer wieder wie der Chor in antiken Dramen. Beginnend mit der deutschen Nationalhymne. „Wir sind zuverlässig, bescheiden, pünktlich, sparsam, fleißig“, sprechen die acht Mitglieder, die im Laufe des Stückes die löblichen Vorsätze der Deutschen – „Wir machen Bio“ – und schließlich die Abgrenzung gegen Fremde deutlich formulieren: „Da sind wir, und da sind die anderen, wir passen nicht zusammen.“
Vier Personen treten zu Beginn aus dem Chor heraus und spielen eine Geschichte von vier Deutschen, zwei Paare, die Nachbarn sind. Das ältere empfängt das jüngere, das gerade neu eingezogen ist, und durch lautes Sex-Gestöhne hörbar auffällt. Man plaudert über dies und das und kommt sich langsam näher. Doch als Barbara, die ältere, einen Flüchtling aufnimmt, der nachts an die Tür klopft, brechen erste Abgründe auf. Linda, die jüngere, kann es nicht verstehen, outet sich als das deutsche Wohlleben liebende Egozentrikerin, was die von Mitmenschlichkeit beseelte Barbara scharf verurteilt. Die Männer versuchen vergeblich zu vermitteln. Doch dann verschwinden Barbara und der Flüchtling und es passiert Schreckliches. Barbara liegt tot unter dem Flachbildschirm, den ihr Mann Mario ihr zum Geburtstag geschenkt hat, ein Geschenk eigentlich für ihn selbst. Nun brechen insbesondere bei Linda und Mario tiefsitzende Ängste und Vorurteile auf. Der Flüchtling, er erscheint als die Inkarnation des Bösen, der alles durcheinander gebracht hat.
Hier wird Löhles Stück, das im ersten Teil Gutmenschentum und Spießigkeit mit viel Komik, aber etwas plakativ zeigt, ganz stark, weil es Wurzeln der Fremdenfeindlichkeit beschreibt. Yeginers Inszenierung lebt von den vier ausgezeichneten Schauspielern, Meike Anna Stock, Rabea Lübbe, Konstantin Graudus und Tino Führer, dem Chor und einer umwerfenden Bühnenidee. Fünf Chormitglieder sind in Mülltonnen versteckt, aus denen sie für ihre Auftritte auftauchen und mitunter als Inspizienten helfend eingreifen. Am Ende wird sogar eine Person, Barbaras Schwester Anna, die stört, in die Mülltonne gestopft. Der deutsche Müll ist hier allgegenwärtig. (ch)

Noch bis 25. Oktober, Hudtwalckerstraße 13, Telefon: 480 680 80, weitere Infos: Winterhuder Fährhaus
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