Jungenhafter Charme und Naive Neugier

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Familie Schumann beim Abendessen: Vater Alfred (Robin Brosch), Onkel Arthur (Christoph Kähler), die Mutter (Helen Schneider) und Heinz (Konstantin Moreth) (v.l.). Foto: Bo Lahola

„Der Ghetto Swinger“ an den Kammerspielen

Rotherbaum. Der kleine Heinz Schumann versteht die Welt nicht mehr. Er darf nicht mitmachen in der neuen Bewegung, darf nicht wie alle seine Mitschüler in die Hitler-Jugend eintreten.
Denn der neunjährige Berliner Jung´ ist Halbjude. Konstantin Moreth spielt ihn in der ersten Produktion der Hamburger Kammerspiele in dieser Spielzeit, „Der Ghetto Swinger. Aus dem Leben des Jazzmusikers Coco Schumann“, mit ebenso viel jungenhaften Charme voll naiver Neugier und bitterer Enttäuschung eines wachen Jungen wie später überzeugend den lebenslustigen, oft übermütigen Musiker mit Spitznamen „Coco“ und schließlich mit dergleichen präzisen Intensität den KZ-Häftling, der das Grauen der NS-Herrschaft hautnah kennen lernt. Das Thema gibt Helen Schneider, Erzählerin und die Atmosphäre der Zeit wiedergebende Sängerin vor, wenn der kleine Heinz aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen wird: „Die Juden sind an allem Schuld“.

Starke Auftritte
Ganz im eleganten Schwarz führt sie als Barsängerin Rosa souverän mit den Melodien der Zeit durch den Abend, verkörpert auch die jüdische Mutter von Heinz „Coco“ Schumann ebenso wie seine Großmutter und Cocos Bekanntschaft Chérie. Konstantin Morath und Helen Schneider tragen mit ihren starken Auftritten entscheidend zum Erfolg von Gil Mehmerts Inszenierung bei, die im ersten Teil ganz gefällig ist, aber nicht zwingend die Bedrohlichkeit der ersten NS-Jahre wiederspiegelt.
Dabei gelingt die Kombination von Schauspiel und Musik, verkörpert in allen Darstellern, die zusammen als Band mit Sängerin auftreten und einzelne Personen aus der Lebensgeschichte von Coco Schumann spielen. Vorhang auf und wir befinden uns in der Bar Hasenschaukel oder in der Rosita-Bar, den angesagten Kneipen im Berlin der 1930er Jahre. Davor spielt sich in kurzen Szenen das Leben des Coco Schumann ab, den seine Musikbegeisterung auf die Bühnen der Bars und Kneipen führte und sein politisch unkorrektes Verhalten schon bald in die Notizblöcke der Gestapo brachte.

Andere Stimmung
Im zweiten Teil eine ganz andere Stimmung. Coco und seine Freunde werden in den KZ´s Theresienstadt und Auschwitz schikaniert und entkommen oft nur knapp dem Tod. Hier gelingen Mehmert eindringliche Szenen der Stille. Auch in den KZ´s wird musiziert, aber für Tod und Verderben finden sich nur noch kurze klägliche Töne. Am Ende der Premiere tosender Applaus für eine insgesamt gelungene, sowohl unterhaltende wie beklemmende Inszenierung. Applaus auch für einen 88-jährigen, der sich in der dritten Reihe kurz erhebt: den wirklichen Coco Schumann.
u „Der Ghetto-Swinger“ ist bis zum 23. September sowie vom 10. bis 14. Oktober in den Kammerspielen zu sehen. (ch)
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