Künstler sieht „Rot“

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Maler Mark Rothko (Markus Boysen) hat viel zu sagen. Ken (Jacob Matschenz) hört aufmerksasm zu. Foto: Bo Lahola/hfr

Michael Bogdanov inszeniert in den Kammerspielen

Rotherbaum. „Was sehen Sie?“ Der junge Mann im ordentlichen Anzug mit Schlips und Kragen tritt an den Bühnenrand der Hamburger Kammerspiele heran und strengt sich sichtlich an, um ein imaginäres Bild zu beurteilen, das sich dort befinden muss, wo das Publikum sitzt. Mark Rothko (1903-1971), das Maler-Genie der New York School, wird immer ungeduldiger. „Rot“ antwortet der merklich ins Schwitzen geratene Besucher schließlich. Dieses Jüngelchen, das Rothkos Assistent werden möchte, ist schon bei der ersten Begegnung mit dem Meister durchgefallen. Doch Ken, so sein Name, wird eingestellt, um allerlei Handlangerdienste zu verrichten: Farben bereit stellen, Leinwände auf Rahmen spannen, Fast Food vom Chinesen holen. Dabei kommt er dem großen Maler näher, durchschaut ihn. Von der sich langsam wandelnden und sich schließlich zuspitzenden Beziehung der beiden ungleichen Männer handelt John Logans Stück „Rot“, das jetzt in den Hamburger Kammerspielen zu sehen ist. Mark Rothko, so zeigt uns Logan, ist der Klassiker des egomanischen Künstlers, der die Welt zu erklären weiß, sich selbst für den Nabel derselben hält und wenig wirkliches Interesse an anderen Menschen zeigt. Über Kunst, Philosophie und das Leben hat er viel Hörenswertes zu sagen. Davon handelt der erste Teil von „Rot“. Ken lauscht interessiert, mitunter ehrfurchtsvoll, kommentiert die Tiraden des Meisters aber auch mit der unverblümten Direktheit der Jugend, fängt sich damit oft den Zorn des Malers ein. Schließlich nach zwei Jahren spricht Ken und Rothko hört zu, muss zuhören. Denn der junge Assistent hat etwas zu sagen und das schmeckt dem großen Künstler gar nicht. Um Ichbezogenheit und Ignoranz geht es da und um Verrat an den eigenen Idealen. Am Ende wird Ken gefeuert, aber mit Kuß und Umarmung.
Jederzeit in Bann hält die Kammerspiele-Inszenierung, weil Regisseur Michael Bogdanov ganz auf seine starken Schauspieler setzt. Insbesondere Markus Boysen, der mit jeder Geste, jedem Satz, jedem Gang souverän den „großen“ Künstler verkörpert. Höchst beachtlich schlägt sich neben ihm Bühnendebütant Jacob Matschenz in der Rolle des Assistenten. (ch)

„Rot“ ist bis zum 10. Februar in den Kammerspielen, Hartungstraße 9-11, zu sehen.
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