Überraschender Brieffund

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„... und träum die ganze Nacht von Hannelore!“: Durch eine Anzeige von Seniorenheim-Geschäftsführer Hans Jürgen Wilhelm wurden Borchert-Gedichte entdeckt Foto: Hanke

Schriftsteller Wolfgang Borchert (1921–1947) hatte eine heimliche Liebe

Von Christian Hanke
Eppendorf
Von dem wohl berühmtesten Eppendorfer, dem Dichter Wolfgang Borchert (1921-1947, „Draußen vor der Tür“), sind neue Gedichte entdeckt worden. Wolfgang Marx, dessen Mutter im Winter 1945/46 im selben Krankenhaus wie Borchert lag, hat sie der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Die Gedichte hatte seine Mutter gesammelt, denn sie handelten von ihr. Borchert war hoffnungslos verknallt in die damals 21-jährige Hannelore Marx, schwärmte von „Hannelörchen“ mit den „süßen kleinen Öhrchen“. „Mein Herz rast wie ein Aussenbordmotor von einem Elbekahn – ich werd verrückt von deinem kleinen Ohr aus Menschenfleisch und Marzipan“, dichtete der Autor des Antikriegsstücks „Draußen vor der Tür“, um dann enttäuscht einzusehen: „auf ihrem Bett hockt schon ein anderer Brummer und mir sagt sie: Du oller oller Dummer!“ Hannelörchen war schon mit dem Vater von Wolfgang Marx liiert, den sie Ende 1946 heiratete.

Briefe zeigen neue Seite


Marx hatte die Briefe Hans-Jürgen Wilhelm, dem Geschäftsführer des Elisabeth Alten- und Pflegeheims, des früheren Elisabeth Krankenhauses, in dem sich Borchert und Hannelore Marx begegnet waren, zur Verfügung gestellt. Wilhelm hatte per Anzeige ehemalige Mitarbeiter und Patienten des früheren Krankenhauses gesucht, um die Geschichte des Hauses zu erforschen. In welchem Zimmer Borchert und in welchem Hannelore damals mit Gelbsucht gelegen haben, konnte Wilhelm nicht rekonstruieren. Die Unterlagen des Krankenhauses waren beim Umzug in den 1980er Jahren nach Rissen verlorengegangen.
Hocherfreut zeigte sich Professor Hans-Gerd Winter, der Vorsitzende der Internationalen Wolfgang-Borchert-Gesellschaft über die Entdeckung der Gedichte. Von Borcherts Krankenhausliebe wussten er und alle Borchert-Fans bisher noch nichts. Winter sieht diesen Fund als Aufagbe, „Borcherts Lebensfreude, seine ungewöhnliche Fähigkeit zum spielerischen Umgang mit Sprache und seine kabarettistischen Neigungen stärker in Veranstaltungen herauszustellen“. Für diese Fähigkeiten ist der Antikriegsdichter bislang wenig bekannt.
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