Verbunden in Hassliebe

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Eine Szene mit Ritter (Ulli Maier), Ludwig (Markus Boysen) und Dene (Imogen Kogge, v.l.) Foto: Bo Lahola

„Ritter, Dene, Voss“ von Thomas Bernhard feiert in den Kammerspielen Premiere

Rotherbaum Die Schwestern und Schauspielerinnen Ritter (Ulli Maier) und Dene (Imogen Kogge) leben im großbürgerlichen Haus ihrer Eltern in Wien. Seit deren Tod hat sich hier nichts verändert: Erdrückt von Jugendstil-Möbeln blicken Vater und Mutter von überlebensgroßen Klimt-Porträts auf die Schwestern herab. Die treten – dank der 51-prozentigen Beteiligung des Vaters am Theater in der Josefstadt – in seltenen aber regelmäßigen Abständen auf die Bühne und verbringen den Rest ihrer Zeit in inniger Hassliebe. Ihr Bruder Ludwig „Voss“ (Markus Boysen), mittlerer der Geschwister, hat sich freiwillig in die Psychiatrie „Am Steinhof“ zurückgezogen und verfasst philosophische Schriften, die Schwester Dene für ihn abtippt. Die ältere Schwester ist es auch, die ihn nach Hause zurückholt. Das Aufeinandertreffen der drei Geschwister vollzieht sich in Thomas-Bernhard-typischen, langen und bösen Monologen, voller Hass auf die Eltern, die Kindheit und Unfähigkeit der jeweils anderen. Voneinander lassen können die Geschwister dennoch nicht. Dene kauft für den jüngeren Bruder Unterhosen und umsorgt ihn wie eine Mutter. Ritter beschimpft den Bruder in seiner Abwesenheit als „philosophischen Gewaltverbrecher“, hängt aber bei seiner Rückkehr nicht nur metaphorisch an seinen Lippen. Beim Abnabelungsversuch gehen Geschirr und von Dene für den Bruder gebackene Krapfen zu Bruch. Mühsam rücken die Schwestern eine Anrichte einen halben Meter weiter nach rechts, der Bruder hängt die elterlichen Porträts kopfüber an die Wand. Sonst bleibt alles beim Alten.

Schauspieler-Theater


Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard (1931 – 1989) schrieb „Ritter, Dene, Voss“ 1984 den Schauspielern Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gert Voss auf den Leib, die es 1986 unter der Regie von Claus Peymann auf die Bühne brachten. Die Geschichte von Familienhass und Scheitern im ewigen Versuch ist zeitlos und wird von Imogen Kogge, Ulli Maier und Markus Boysen als inzestuöses Geschwister-Trio zu einem Theaterabend, der unter die Haut geht. Unter der Regie von Jasper Brandis gerät die zweieinhalbstündige Untergangs-Komödie jedoch auch etwas zäh. Bernhards Monologen scheint hinter den schweren zugezogenen Vorhängen der wienerischen Jugendstilwohnung (Ausstattung: Sabine Kohlstedt) die Luft beziehungsweise Schärfe ausgegangen zu sein. (flü)

„Ritter, Dene, Voss“ ist bis zum 19. Juni in den Kammerspielen zu sehen, Karten unter Telefon 413 34 40, weitere Infos: www.hamburger-kammerspiele.de
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