Verschlucktes ausgestellt

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Verschluckt: diese Gegenstände wurden in den 1920iger bis 1950iger Jahren im UKE ausSpeiseröhren und Mägen geholt Foto: Hanke

Medizinhistorisches Museum zeigt Gegenstände, die aus Patienten geholt wurden

Von Christian Hanke
Eppendorf
Ein kleiner Hund aus Kunststoff mit einer Kette, ein Spielzeugflugzeug, Schlüssel, Münzen, Knöpfe – alle diese Gegenstände fanden Mediziner des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) in den Speiseröhren oder Mägen von Menschen, vornehmlich von Kindern. Eine Auswahl, die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte des UKE sammelten und zusammenstellten, insbesondere der emeritierte Professor Wolfgang Pirsig, sind jetzt in der Ausstellung „Verschluckt und ausgestellt“ im Medizinhistorischen Museum des UKE zu sehen. Der Titel der Ausstellung führt noch weiter. Er beschreibt auch das Schicksal vieler Objekte des Museums, die noch nie gezeigt wurden, die im Depot „verschluckt“ sind. Wie der Operationstisch aus der Unfallstation der Sprengstofffabrik Alfred Nobel & Co aus Geesthacht, eine Höhensonne, Karten und Hefte zu Intelligenztests oder ein Ergometer-Fahrrad, längst überholte Gegenstände, die einmal medizinisch wichtige Funktionen erfüllten. „Jedes dieser Objekte offenbart eine Geschichte. Sie geben Aufschluss über Kultur- und Medizingeschichte“, erläutert Dr. Philipp Osten, der Leiter des medizinhistorischen Museums. Auch die wirklich verschluckten kleinen Gegenstände, die etwas über den Alltag aus bestimmten Jahren erzählen. Die Sammlungen, aus denen die verschluckten Knöpfe, Knochen, Münzen und Nadeln stammen, wurden im Wesentlichen in den 1920iger bis 1950iger Jahren angelegt. Man kann die kleinen Gegenstände bestimmten Jahren zuordnen, denn die HNO-Ärzte des UKE haben genau notiert, an welchem Tag sie die kleinen Dinge aus den Kinderkörpern holten. Es werden dabei nur Fälle präsentiert, die glimpflich abliefen. „Einige Objekte werden wir niemals zeigen, weil sie von Krankengeschichten handeln, die wir nicht veröffentlichen können, die aber der Forschung dienen. Wir sind nicht nur ein Museum, das Objekte zeigt, sondern auch ein Forschungsmuseum“, erklärt Philipp Osten. Mitunter verbergen sich anrührende oder erschütternde Geschichten hinter den Objekten. Da steht zum Beispiel ein hölzerner Rollstuhl in der Ausstellung. Ihn hat der Ehemann einer gelähmten Frau in der Nachkriegszeit mit Hilfe eines Freundes gebaut, als ein großer Mangel an medizinischen Geräten herrschte. Bis ins Pflegeheim begleitete der Rollstuhl das Ehepaar als Erinnerungsstück. Auch das Türschild des jüdischen Arztes Dr. Arthur Samuel ist in der Ausstellung zu sehen, mit dem in der NS-Zeit vorgeschriebenen zusätzlichen Vornamen Israel sowie ein Aktenordner mit Anweisungen der NS-Behörden, wie das Türschild bezüglich Größe, Form und Farbe auszusehen hat. Und auch Kurioses offenbaren die Objekte. Ein kleines Spielzeugflugzeug verschluckte sein Besitzer am 7. November 1941. Ein Tag, an dem über Norddeutschland 21 Flugzeuge abgeschossen wurden.

„Verschluckt und ausgestellt“ ist bis 16. Oktober im Medizinhistorischen Museum, Martinistraße 52 (Gebäude N30), Sonnabend und Sonntag von 13 bis 18 Uhr
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