Virtuelle Verbrechen

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Mr. Sims (Christian Kohlund) lebt im Internet seine perversen Fantasien aus Foto: Renate Wichers

Kammerspiele zeigen düstere Zukunftsvision „Netzwelt“

Eppendorf Beifallsstürme für schwere Kost in den Kammerspielen: In gar nicht allzu ferner Zukunft hat sich das Internet zur „Netzwelt“, so der Titel des Stückes von Jennifer Haley, weiterentwickelt. Einer Parallelwelt, in der Menschen als Avatare fiktive Identitäten annehmen können. In einem rechtsfreien Raum können sie jegliche Arten von Fantasien, sexuellen Handlungen und Verbrechen ausleben und ausüben. Es kommt ja niemand körperlich zu Schaden. Ganz im Gegenteil würden durch die Aktivitäten in der Netzwelt sogar Menschen im realen Leben geschützt. So jedenfalls argumentiert der pädophile Unternehmer Mr. Sims (Christian Kohlund), der in der virtuellen Realität das „Refugium“ geschaffen hat.
Ausgestattet wie eine viktorianische Villa können hier „Gäste“ ihre Fantasien mit Kindern ausleben. Bilder wie die von Sims geschaffenen wecken erst Begierden, findet hingegen Ermittlerin Detective Morris (Neda Rahmanian), die über das Unwesen in der Netzwelt wacht und Mr. Sims das Handwerk legen will. Ein Agent,
der eingeschleust wird, soll dabei helfen. Vom sterilen, kalt ausgeleuchteten Vernehmungsraum eröffnet sich der Blick durch eine Glaswand auf das virtuelle „Refugium“ des Mr. Sims, das mit Bäumen, Plüschtieren, Klavier und Grammophon etwas anheimelndes hat. Hier herrscht Mr. Sims als „Papa“ über identisch aussehende Mädchen, die wie in einer pervertierten Fantasie von „Alice im Wunderland“ daher kommen. Die komplexe Handlung bringt Regisseur Ralph Bridle nach dem 2013 uraufgeführten Theaterstück der Amerikanerin Jennifer Haley in 140 hochspannenden Minuten auf die Bühne. Was macht es mit einem Menschen, wenn er virtuell sein Geschlecht und Alter für beliebige Identitäten ändern kann? Was ist dann eigentlich das Selbst und wie sind Verbrechen wie Kinderpornografie in der virtuellen Welt zu ermitteln? Diese und noch viele weitere brisante Fragen werden aufgeworfen – aber nicht beantwortet. Christian Kohlund, als Fernsehstar eher in der seichten Unterhaltung unterwegs, beeindruckt mit seiner Präsenz als düsterer, arroganter, aber auch zerrissener Charakter. Sehr sehenswert. (flü)

„Netzwelt“ ist bis zum 16. Mai in den Kammerspielen zu sehen, Karten unter
Telefon 413 34 40, weitere Infos: www.hamburger-kammerspiele.de
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