Von der Kunst des Hinsehens

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Kunst sei in allem, was wir zur Freude unserer Sinne tun, verspricht Peter Räcker Foto: Haas
 
Mit Makro-Objektiv entdeckt: Risse und Kleckse an Häuserwänden Repro: Haas

Peter Räcker ging mit dem Makro-Objektiv auf Entdeckungsreise durch Hamburgs Straßen

Von Waltraut Haas
Winterhude
Schon seine Aquarelle überraschten auf mehreren Ausstellungen. Rund um seinen 75. Geburtstag sind jetzt im Echtzeit-Studio seine Fotografien der besonderen Art zu sehen: „Kunst, die in Hamburg wächst! Metamorphosen oder Neuzeitliche Höhlenbilder“. Die Exponate aus den vergangenen Jahren entstanden bei abendlichen Radtouren durch die Stadt. Man müsse nur hinsehen: Auf Tunnel- oder Hauswänden sind Miniaturen zu entdecken, oft nur daumennagelgroß: etwa auf defekten Kacheln, Farbklecksen oder in verwitternden Mauerrissen. Per Makro-Objektiv abgelichtet, bekommen sie überraschende neue Gestalten. „Meine Objekte sind vergänglich, oft werden sie schon kurze Zeit später überstrichen oder saniert“, sagt der Künstler, der es vermessen findet, sich selbst als Künstler zu bezeichnen.
In seinem „ersten“ Leben war er beruflich stark eingebunden: als Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik und Maschinenbau. Die künstlerische Betätigung diente ihm damals als Ausgleich zum Berufsalltag. Schon als Kind schnitzt, gestaltet und werkelt er an Objekten im Atelier des Großvaters, der ihn „anstiftet“ und begeistert. Für das Marionetten- und Puppenspiel etwa, das ihn sein Leben lang begleitet. 2001 eröffnet der Vater einer Tochter und eines Sohnes, beide längst erwachsen, eine offene Puppen- und Figurenwerkstatt im Haus der Jugend Flachsland. Zudem engagiert er sich als Geschäftsführer für das Hamburger Puppentheater. Nach seinen Methoden können Kinder innerhalb von zwei Stunden ihre Handpuppe selbst basteln und mit ihr spielen. In Seminaren zeigt er das Handwerkszeug fürs Puppenspiel, überzeugt auch Lehrer vom pädagogischen Mehrwert. „Heute bin ich in etwa da angekommen, wo mein Großvater aufgehört hat“, sagt Peter Räcker lächelnd. Gerade füllt eine Spende sein Auto: Aus den Stoffballen werden Vereinsmitglieder Puppenkleider nähen.
„Sehen lernen.“ So lautete ein Volkshochschulkurs 1979 von Kunstmaler August Ohm. Peter Räcker ging hin und wird danach lange Jahre Ohms Schüler, zieht unter der Anleitung des Malers auch auf Exkursionen durch ganz Europa. Um unterschiedliche Malweisen zu studieren und immer wieder: den Blick fürs Detail zu schärfen. „Sehen lernen wird um so wichtiger, wenn ich beobachte, wie sich junge Mütter und Väter heute beschäftigen, während sie ihre kleinen Kinder beaufsichtigen. Fast autistisch wirken sie, dauernd gebückt über ihre Smartphones.“
Diese Absence präge oft auch die Kinder, die ihm begegnen. Dagegen will Peter Räcker die Menschen anregen, immer wieder hinzusehen und sich inspirieren zu lassen. So fülle sich sein Skizzenbuch jedes Jahr, Nachahmung sei durchaus erwünscht, denn sie verspricht Erfüllung. Dabei zitiert Räcker seinen Lieblingssatz von Herbert Read, britischer Dichter und Philosoph: „Wie wir Kunst auch definieren mögen – sie ist in allem vorhanden, was wir zur Freude unserer Sinne tun.“

„Kunst, die in Hamburg wächst“. bis zum 11. April zu sehen im Echtzeit-Studio, Alsterdorfer Straße 15, Di-Fr, 14:30-20 Uhr, Sa, 11-18 Uhr
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