Ade, Bücherstube!

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Das Buchhändler-Trio im Jahr 1978 (v.l.): Rainer Neumann, Jürgen Bonchis und Dr. Erhard Schäfer Repro: Haas
 
„Relativ schmerzfreier Abschied“: Rainer Neumann und Jürgen Bonchis suchen Nachfolger Foto: Haas

Legendäres Winterhuder Trio hört Ende Mai auf

Von Waltraut Haas
Winterhude
Schon das Schaukelpferd aus Holz erinnert daran, dass hier auch die ganz Lütten willkommen sind. Einladend wirken die Vielzahl von Kinderbüchern auf Regalen im Eingangsbereich. „Kinder mit ihrer ungebremsten, wuchtigen Neugier sind in der Buchhandlung ein Geschenk.“ sagt Rainer Neumann, 65. Zusammen mit Jürgen Bonchis, 66, und Dr. Erhard Schäfer, 70, hat er 1978 die kleine und dennoch gut sortierte Mühlenkamper Bücherstube am Schinkelplatz eröffnet. Inzwischen sind dort auch Öko-Weine zu haben. Doch Ende Mai, so haben sie beschlossen, wollen sie sich in den Ruhestand verabschieden.
Über drei Generationen haben die Buchhändler im Lauf der fast vier Jahrzehnte betreut. „Die Kinder von damals kommen heute schon mit ihren Kindern her.“ weiß Jürgen Bonchis. Die Kundschaft sei sehr angenehm gewesen, rund 70 Prozent weiblich, denn Frauen seien einfach fleißigere Leserinnen. Schon die kleinen Mädchen sind den Jungs in ihrem Leseverhalten voraus. Von 6 bis15 Jahren würden sie alles verschlingen, während die Jungen sich erst später für Lesestoff interessieren, aber nur für spannende, freche Titel.
„Mit Null Erfahrung als Buchhändler haben wir angefangen vor 37 Jahren“ erinnert sich Rainer Neumann, wenn er absieht von einem Job als Buchpacker bei Felix Jud. Doch als Germanistik-Student war er nicht nur belesen, sondern „bibliophil“ – ebenso wie Erhard Schäfer, promovierter Soziologe. „Wir kauften einfach alles, was uns gefiel, darunter enorm viel Fachliteratur und auch linke Literatur.“ Fast drohte deshalb anfangs schon die Pleite, wäre nicht Jürgen Bonchis gewesen, der sich als studierter Betriebswirt auskannte mit Buchführung und betrieblichen Notwendigkeiten. Allerdings hätte das Trio auch nicht allein vom Ladengeschäft überlebt. Damals belieferten sie zusätzlich Rechnungskunden: Aus Bibliotheken oder Anwaltskanzleien etwa kamen die Buchbestellungen noch per Brief, später per Fax.

Im Stadtteil aktiv


Politisch aktiv bei den Jusos und bei den Grünen – „irgendwo zwischen Fundis und Realos“, hatte das Trio nicht nur durchs Studium und vor Ort einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, der sich in der Stammkundschaft wiederfand. Wie unterschiedliche Talente mit ihren Vorlieben sinnvoll zusammenwirken können, haben die Drei schon in Gruppenarbeiten beim Studium gelernt. Das praktizierten sie in der Bücherstube und in ihren „Nebentätigkeiten“ einfach weiter: So war Erhard Schäfer zeitweise in der Bezirksversammlung aktiv, kümmerte sich etwa um die Umgestaltung des Schinkelplatzes. Jürgen Bonchis engagierte sich beim Aufbau des Baui Poßmoorweg und Rainer Neumann war nicht nur beteiligt bei der Gründung des Goldbekhauses, zudem unterstützte er die legendäre „Winterhuder Shakespeare Company“ des Schriftstellers Hans-Georg Behr.
1. Ab 1984 wurde der Schinkelplatz open air bespielt, zunächst mit Büchners „Leonce und Lena“. Mit ihren Engagements setzte das Trio nebenbei auch stadtteilpolitische Akzente. Im Lauf der Jahre erlebten die Buchhändler auch den sozialen Wandel im Viertel, das früher mehrheitlich von Rentnern und Studenten bewohnt wurde. Inzwischen ziehen die Jüngeren nach ihrem Studium nicht mehr ins Umland, sie gründen ihre Familien im Stadtteil, davon zeugen auch die zunehmenden Schülerzahlen in Winterhude.
„Insgesamt ein entspannter, lustvoller Betrieb“ sei die Bücherstube an der Peter-Marquard-Straße gewesen, sagt Jürgen Bonchis im Rückblick. Doch seit einigen Monaten wohnt der Betriebswirt schon auswärts, im Elternhaus an der Ostsee. „Die lange Anfahrt nach Hamburg gestaltet aber meinen Abschied relativ schmerzfrei.“ Auch Erhard Schäfer wohnt schon länger außerhalb Hamburgs und hilft nur gelegentlich aus. Nachfolger seien nicht in Sicht, bedauert Rainer Neumann, der mit seiner Frau weiter in Winterhude lebt. „Dabei sind die kleinen Buchläden gerade wieder im Kommen. Große Buchhandlungen haben mehr Probleme in der Kundenbindung und erleiden höhere Umsatzverluste durch die Konkurrenz im Internet.“
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