Alsterdorfer Anstalten in der Nazi-Zeit

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Lehrerin Petra Kasten, die Nichte des Euthanasie-Opfers Dorothea Kasten, begrüßte die Aufnahme von Fotos der Opfer in die Neuauflage Foto: Hanke

In der dritten Buchauflage werden neue Forschungsergebnisse präsentiert

Von Christian Hanke
Alsterdorf
In dritter überabeiteter Auflage ist die Darstellung über die Alsterdorfer Anstalten, des Vorläufers der heutigen Evangelischen Stiftung Alsterdorf, im Nationalsozialismus erschienen: „Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr“. Die erste Auflage 1987 war noch umstritten, aber schon im Erscheinungsjahr vergriffen. Weil inzwischen auch die zweite Auflage vergriffen ist, aber auch, weil neue Forschungsergebnisse zum Thema Euthanasie vorliegen und sich die Erinnerungskultur zu diesem Thema erheblich verändert hat, entschlossen sich die Autoren Ingrid Genkel, Michael Wunder und Harald Jenner das Buch zu überarbeiten. „Wir haben dokumentiert, was seit 1987 passiert ist und wir haben den persönlichen Bezug hervorgehoben“, erzählt Michael Wunder. So finden sich in der Neuauflage viele Biografien von Euthanasie-Opfern, die in Alsterdorf untergebracht waren, mit Fotos. „Die Fotos sind wichtig“, findet Petra Kasten, Lehrerin und Nichte von Dorothea Kasten, die der Präsentation wie auch andere Angehörige von Euthanasieopfern beiwohnte. Vor allem die Fotos würden Schülerinnen und Schüler ansprechen, die Schicksale persönlich machen, so Petra Kasten, deren Nichte Dorothea,1943 von den Alsterdorfer Anstalten nach Wien deportiert und dort im Beisein ihrer Mutter, die sie nach Hamburg zurückholen wollte, zu Tode gespritzt wurde. Die Eingangsstraße der Evangelischen Stiftung Alsterdorf trägt seit 1993 ihren Namen.

511 Patienten ermordet


630 Patientinnen und Patienten der Alsterdorfer Anstalten wurden 1938 bis 1945 in Tötungsanstalten im Rahmen des NS-Euthanasie-Programms deportiert. 511 wurden ermordet. Das Buch schildert neben den Biografien von Opfern, die allgemeine Geschichte der Euthanasie und porträtiert die beiden Alsterdorfer Haupttäter in der NS-Zeit, den Anstaltsleiter, Pastor Friedrich Lensch, und den Oberarzt Gerhard Kreyenberg. Lensch sowohl als politischen Theologen als auch als Leiter der Alsterdorfer Anstalten. Die Autoren heben hervor, dass die Alsterdorfer Anstalten einerseits ein typisches Beispiel für Einrichtungen mit behinderten Patienten im Dritten Reich darstellen, anderseits aber durch das zunächst zögernde Mittun des christlichen Theologen und überzeugten Nationalsozialisten Lensch bei der Euthanasie eine Besonderheit sind. Das Buch „Auf dieser schiefen Ebene gibt es kein Halten mehr – Die Alsterdorfer Anstalten im Nationalsozialismus“ ist im Buchhandel für 24 Euro erhältlich.
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