Anarchie im Großraumbüro

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Großraumbüro auf der Bühne: die Sekretärinnen der Hambugrer Kammerspiele Foto: Bo Lahola/flü

Komödie „Sekretärinnen“ mit traurigem Kern

Eppendorf „Der Chef? Der ist schon lange tot“. Aber seine Sekretärinnen sitzen immer noch tagtäglich im Großraumbüro und lassen die Finger über die Tastaturen fliegen. Nicht mehr über die von Schreibmaschinen, wie in der legendären Uraufführung von Franz Wittenbrinks Liederabend „Sekretärinnen“ 1995 im Schauspielhaus. Auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele hacken die sechs deutlich in die Jahre gekommenen Sekretärinnen auf Computer-Tastaturen ein, der Soundtrack ihres Morgens ist die Windows-Melodie beim Hochfahren der PCs. Ein geschickter Kniff von Regisseurin Ulrike Arnold, die das langsam verschwindende Berufsbild der klassischen „Tippse“ schlüssig auf die Bühne bringt. Aus dem wittenbrinkschen Büroboten ist ein IT-Fachmann mit zeitgemäßem Zopf geworden, der ebenso wie die Sekretärinnen unterm Boreout im grauen Großraumbüro (Bühnenbild: Philipp Nicolai) leidet: Von den PC-Problemen seiner Kolleginnen fühlt er sich unterfordert. Als es zum kollektiven Computer-Absturz kommt herrscht ein Moment der Anarchie im Großraumbüro, und die sechs Frauen geben sich ihren Sehnsüchten hin – stimmlich beeindruckend zwischen zart und hart („I work hard for my money!“) vorgetragen von Tatja Seibt, Love Newkirk, Karin Kiurina, Angela Roy, Zazie de Paris und Barbara Krabbe, auf dem Klavier begleitet von Oliver Parchment. Ganz im Sinne Wittenbrinks, dessen Stücke zwar vordergründig lustig, im Kern aber traurig sind, behält dank der großartigen Darstellerinnen jede Figur mit ihren mehr oder weniger ausgeprägten Spleens ihre Würde. Ebenso wie IT-Fachmann Tim Grobe, der mit seinem „Rise like a Phoenix“ den Theatersaal zu atemloser Stille brachte. Die sich nach einer Stunde und 45 Minuten in Jubel verwandelte. (flü)

„Sekretärinnen“ ist bis zum 30. August zu sehen, Karten: 413 34 40, www.hamburger-kammerspiele.de
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