Arme Radfahrer?

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Der schmale Poelchaukamp hat keinen Radweg. Viele Fahrradfahrer weichen auf den Gehweg aus, obwohl das nicht erlaubt ist. Durch Außengastronomie und parkende Autos ist es auch auf dem Bürgersteig sehr eng. Foto: Gemeinholzer
Winterhude. In Winterhude sind viele Radfahrer unterwegs. Und das trotz mancher Widrigkeiten. Nicht überall im Stadtteil kommen Radler zügig und ohne Umwege an ihr Ziel, an vielen Stellen wird es eng. Viele Radfahrer haben offenbar auch ihre eigenen Regeln entwickelt: So erscheint auf das Fahren auf dem Bürgersteig – obwohl nicht erlaubt – vielen oftmals die sicherere Variante zu sein. Ob nun die schlechte Infrastruktur, Unwissen oder mangelnde Rücksicht der Radfahrer zum Problem werden: darüber gehen in Winterhude die Meinungen auseinander. „In Winterhude gibt es zu wenig ausgebaute Radwege – und was es gibt, ist zugeparkt“, sagt Radfahrerin Barbara Winkler. „Manche Radwege hören auch hinter der nächsten Kurve wieder auf oder sind unterbrochen durch ihren schlechten Zustand und Baumwurzeln“, erklärt die 42-jährige Winterhuderin, was Radfahrer im Stadtteil ärgert. Vor allem die Sierichstraße stellt Radler vor größere Herausforderungen. Viele kapitulieren an der viel und schnell befahrenen Straße mit ihrem Richtungsverkehr – und fahren auch dort, wo es nicht erlaubt ist, auf dem Gehweg. Das war bis vor etwa einem Jahr auch durchgehend gestattet. Dann ordnete die Straßenverkehrsbehörde an, dass Radler die Fahrbahn benutzen müssen, im Richtungsverkehr versteht sich. Dort sei der „geübte Radfahrer sicherer, weil er von Autofahrern besser gesehen wird und im Verkehrsfluss mit schwimmt“, erklärt Matthias Maas von der Straßenverkehrsbehörde des Polizeikommissariats 33. „Die Sierichstraße ist eine Katastrophe“, gibt er zu. Eigentlich, so sagt er, seien Schutzstreifen für Radfahrer in beiden Richtungen unerlässlich. „Aber die Straßenbreite gibt das nicht her, dann müsste ein Fahrstreifen weichen. Das ist nicht möglich bei der Verkehrsdichte.“

Engpass Sierichstraße
Dringend davon abraten, auf der verkehrsreichen Sierichstraße auf der Fahrbahn zu fahren, würde Radlern dagegen Johanna Drescher vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Hamburg. Aus Sicht des ADFC müsste die Rad-
wegeführung rund um die Sierichstraße insgesamt verbessert werden. Das Problem: Die Ausweichstrecken in den Nebenstraßen sind zum großen Teil Einbahnstraßen. „Um Radfahrern dort Wege zu erleichtern, prüfen wir zurzeit, ob wir einzelne Einbahnstraßen für Radfahrer in der Gegenrichtung freigeben“, kündigte Maas an. Möglich sei das etwa schon in der Scheffelstraße.
Fragezeichen verursacht bei vielen Radfahrern auch die Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht.  Darin sind sich Verkehrsbehörde und Radfahrerverband einig. „Bei uns im Revierbereich gilt die Radwegebenutzungspflicht nur auf den Hauptstraßen wie Barmbeker Straße, Saarlandstraße und Jahnring“, klärt Polizeibeamter Maas auf. Wo sonst Radwege bestehen, können Radfahrer selbst entscheiden, ob sie diese benutzen oder auf der Straße fahren. Eine Stelle, wo das noch nicht zu funktionieren scheint, ist der Weg an der Alster. Dass Radfahrer statt der wenig befahrenen Straße Bellevue den schmalen Radweg wählen – der für beide Fahrtrichtungen freigegeben ist – sei ein „Problem von Tradition und Vermittlung“, glaubt Johanna Drescher. Der ADFC habe der Verkehrsbehörde empfohlen, hier eine Fahrradstraße einzurichten. So könnten sich möglicherweise die Probleme begrenzen lassen, die bei der vielfältigen Nutzung des Weges an der Alster durch Jogger, Spaziergänger und Radfahrer entstehen können.

Nicht gewohnt zu warten
Richtig eng wird es für Radfahrer auf den stark befahrenen Geschäftsstraßen Mühlenkamp und Poelchaukamp. „Für Radfahrer ist es eine Umstellung, auf die volle Straße auszuweichen“, weiß Johanna Drescher. „Man ist es als Radfahrer auch nicht gewohnt, zu warten“, gibt sie zu. Wo viel auf Gehwegen gefahren werde, sei aber nicht nur schnelles Vorankommen der Grund. Solches Fehlverhalten von Radlern sei häufig auch ein Anzeichen für schlechte Querungsmöglichkeiten.
„Wer auf dem Gehweg, wo es nicht vorgesehen ist, auch noch in der Gegenrichtung Rad fährt, gefährdet die Sicherheit anderer und seine eigene“, warnt die Leiterin der ADFC-Geschäftsstelle.  Warum sie selbst manchmal auf dem Bürgersteig fährt, erklärt Radfahrerin Barbara Winkler: „Wenn ich mit dem Kind hinten drauf unterwegs bin, fahre ich auf dem Gehweg – im Schritttempo und ich steige auch ab, wenn jemand kommt. Trotzdem muss ich mich dann häufig noch anpöbeln lassen“, berichtet die 42-Jährige. Anderes hat dagegen Michaela Holst beobachtet: Gerade junge Leute verhielten sich häufig rücksichtslos, wenn sie bei fehlendem Radweg – wie im Poelchaukamp – auf den Gehweg auswichen. „Die schieben alte Leute schon mal in den Rinnstein“, kritisiert die 50-jährige Winterhuderin, die sich als „überzeugte Radfahrerin“ bezeichnet.

Rücksichtnahme?
„Das Verhalten von Radfahrern hat sich schon verändert: Die nötige Rücksichtnahme fehlt häufig“, sagt auch Polizeibeamter Maas. Natürlich betreffe rücksichtsloses Verhalten aber nicht nur die Radfahrer, auch unter Autofahrern gebe es schwarze Schafe. Die Polizei stellt insbesondere im Umkreis der Schulen immer wieder Probleme fest. „Die Jugendlichen wollen schnell vorankommen und fahren dann auf der linken Seite oder überholen rechts. An den Schulen ufert das gerade aus“, so Maas. Deshalb wurde in der vergangenen Woche mit Großkontrollen begonnen. Als Erstes war das Johanneum dran. Dort schnappten Beamte der Fahrradstaffel auch einen Schüler, der bei rotem Ampellicht fuhr.
„Mit mehr gegenseitiger Rücksichtnahme ruckelt sich vieles zurecht“, appelliert Polizeibeamter Maas an alle Verkehrsteilnehmer. Bei der Radverkehrsplanung stecke der Teufel im Detail, wirbt er auch um Verständnis. Machbar sei natürlich alles, aber das habe seinen Preis – nicht nur finanziell. „Dann müssten für breitere Radwege auch Parkraum und Grünflächen dran glauben – und das will ja keiner.“ (ag)
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