Bevor die Bagger kommen

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Julius mit Christiane Wagner und Raoul Schneewind in ihrem Garten Foto: Haas
 
Kaffeerunde: Uwe Puttfarcken, Petra Burmester mit Julius und Christiane Wagner, Raoul Schneewind (v. l.) Foto: Haas

Kleingärten sollen Wohnungsbau im „Pergolenviertel“ weichen. Rundgang am 2. August

Winterhude Sein älterer Bruder ist verreist, keiner da zum Fußballspielen, das Tor auf dem Rasenstück ist verwaist. Julius (10) hat schlechte Laune. „Das ist wohl der letzte Sommer, dann ist unser Garten weg, die schönen Blumen, der Apfelbaum, alles weg. Warum eigentlich?“, fragt er. Hier kann er mit anderen Jungs ausgelassen Geburtstage feiern, Wasserschlachten veranstalten oder auch stundenlang am Teich sitzen, um die Tiere im Wasser zu beobachten. Seine Eltern Christiane Wagner und Raoul Schneewind schauen achselzuckend auf ihren Apfelbaum, der jetzt reichlich Früchte trägt. Sie teilen die Stimmung des Jüngsten – und mit ihnen die Nachbarn auf 300 Parzellen in den Kleingartenvereinen „Heimat“ und „Barmbeker Schweiz“. Ihr Protest, ihre Eingaben, ihr Bürgerbegehren mit über 10.000 Unterschriften: alle Mühe soll umsonst gewesen sein. Während sie noch immer auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts zur Rechtmäßigkeit des Bürgerbegehrens warten, hat die Bezirksversammlung längst – wie berichtet – den Bebauungsplan zum „Pergolenviertel“ beschlossen: Auf dem Gebiet der beiden Kleingartenvereine zwischen Hebebrandstraße und Alte Wöhr, am Rand der City Nord und des Stadtparks soll das Mega-Wohnprojekt „Pergolenviertel“ entstehen.
Zwischen den Wohnblocks sind zwar 160 neu angelegte Gartenparzellen vorgesehen. Doch zuvor sollen die bestehenden Gärten eingeebnet und „plattgemacht“ werden. „Wir haben so viel Liebe und Zeit in unsere Gärten investiert“, sagt Christiane Wagner entmutigt. „Was wird aus unseren Stauden, Büschen und unserem alten Quittenbaum?“ Auch ihre Söhne profitieren vom Garten – und deren Freunde. „Manche Kinder wissen noch nicht mal, wie Erbsen wachsen. Sie denken einfach, sie kommen aus der Dose.“ Viele junge Familien suchen dringend Kleingärten, die wie sie in Stadtwohnungen leben. Noch sei über die Ersatzparzellen, wie etwa im alten Anzuchtgarten, nichts bekannt. Deren Erschließung habe dort noch nicht mal begonnen. Das hier sei ein Lehrstück über Politik in Hamburg: Viele Versprechen eben, auf die kein Verlass sei. Parzellennachbarin Petra Burmester hat zu einer Tasse Kaffee eingeladen. „Ich bin über 70. Für uns Ältere ist der Umzug in einen neuen Garten fast nicht denkbar“, klagt sie. Schon einmal wurde ihr Garten plattgemacht, vor zehn Jahren begann sie neu in der „Heimat“. Und so lange brauche ein Garten, um sich zu entwickeln. In ihrem Teich tummeln sich jetzt Libellen und Bergmolche. „In meinem Alter kann ich nicht mehr von vorne anfangen, mit nichts als schwarzer Erde.“

„Hamburg schafft sich als grüne Stadt ab“


Seit 35 Jahren lebt sie in Winterhude und beobachtet, wie ihr Stadtteil durch Neubauten verdichtet wird. Die früher so häufigen Mauersegler fänden hier keine Nische mehr zum Brüten. „Man kann eben überall dabei zusehen, wie sich Hamburg als grüne Stadt gerade stückchenweise abschafft“, bilanziert Uwe Puttfarcken. Er ist einer der Vertrauensleute der Initiative „Eden für Jeden“, die für das Bürgerbegehren von 2013 über 10.000 Unterschriften gesammelt hatte. „Was sind eigentlich unsere Gesetze wert?“, fragt er jetzt ernüchtert. Das Bürgerbegehren sei „längst ausgehebelt worden“. Bis jetzt seien noch nicht einmal alternative Vorstellungen der Kleingärtner im Regionalausschuss Eppendorf-Winterhude möglich gewesen. „Aber was hier vorgeht, betrifft doch alle“, betont die Kaffeerunde einhellig und erwartet mehr Interesse der Lokalpolitiker. „Wir haben hier doch keine spießige Gartenzwerg-Atmosphäre!“ (wh)

Rundgang: „Natur erleben, bevor die Bagger kommen“
Was ihre Gärten zum Klimaschutz, zu einer naturnahen Pflanzen- und Tierwelt beitragen, wollen sie Interessierten in einem öffentlichen Rundgang durch die betroffenen Kleingärten zeigen. Sonntag, 2. August, 15 Uhr. Treffpunkt: Alte Wöhr, Ecke Saarlandstieg. Die Teilname ist kostenlos. Info: www.eden-fuer-jeden.de
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